"Sind wir ne Supermacht oder ein Rohstoffpimmel?" rappt DinoMC47 in die Kamera von Rapinfo . Das sind "Nachrichten, wie Du sie noch nie gesehen hast", heißt es auf der Facebook-Seite der Rapper . Und tatsächlich, Rapinfo ist kritisch, spricht aus, was viele denken und pflegt dazu noch die von vielen Russen so verehrte Vulgärsprache. Die Videos zu den Reimen sind eine Mischung aus Nachrichtensendung und Musik-Clip. Bilder von Politikern fliegen durchs Bild, Comicfiguren tanzen.

Sommer 2011, Rapinfo hat gerade seine erste Folge veröffentlicht, das Passagierschiff Bulgaria sinkt auf der Wolga, 122 Menschen sterben. Rapinfo berichtet über die Katastrophe : "Die alte Stärke der UdSSR ist einfach ein Mythos / Nichts geht und fährt mehr / Sie können nicht mal ein kleines Schiff aus zehn Metern Tiefe bergen / Bulgaria ist leider kein Einzelfall, alles ist in so einer Verfassung / Man nutzt seine Stellung aus, und wird nicht zur Verantwortung gezogen."

Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um die Kritik der Musiker zu verstehen: Rapinfo lästert über das "Tandem" Putin und Medwedew, die nur ein riesiges Spektakel inszeniert hätten, um die Macht zu übergeben. Die Rapper finden das zum Heulen. Sie beklagen die Korruption, auch im Kleinen. Alle Theater- oder Ballett-Eintrittsvorstellungen sind ausverkauft, weil die wichtigen Leute die Karten schon geschenkt bekommen hätten.

Nachdem im Dezember 2011 so viele Wahlfälschungen dokumentiert wurden wie noch nie , hat sich eine neue Anti-Putin-Front der digitalen Mittelschicht gebildet. Digital, weil diesmal über Twitter, Facebook, Live-Journal und das russische Facebook-Äquivalent Wkontaktje jeder Nutzer die Welt über jeden falschen Stimmzettel informiert hat. Junge Menschen vernetzen sich auch in Putins gelenkter Demokratie. Die russischen Eliten haben es immer schwerer, sich dagegen zu wehren.


Sind diese Rapvideos, was Russlands oppositionelles Sammelsurium braucht, um eine Russische Revolution 2012 zu starten, wenn am 4. März Putin zum neuen alten Präsidenten Russlands bestimmt wird? Ist DinoMC47 von Rapinfo das, was El Général für Tunesien war? Der Untergrund-Hip-Hopper mit dem bürgerlichen Namen Hamad Ben Amor hatte über die ausweglose Situation der Jugendlichen in Tunesien gerappt und war damit zum musikalischen Wegbereiter der Revolution geworden.

Nein, sagt die junge Journalistin Maria. Sie ist Anfang zwanzig, studiert an der Moskauer Lomonossow Universität und schreibt unter anderem für die Moskauer Deutsche Zeitung. Maria ist begeistert von Rapinfo, obwohl sie eigentlich kein großer Rap-Fan ist: "Aber das finde ich richtig toll! Es ist kritisch und oppositionell!" Ändern wird es wohl dennoch nichts, sagt sie. "Wenn die Regierung Massenproteste ignoriert, wie können dann fast unbekannte Rapvideos irgendetwas ändern? Regierungskritik aus dem Internet bleibt normalerweise auch dort, in Russland beachtet das niemand." Auf Wkontaktje hat Rapinfo knapp 50.000 Follower, Russland hat 142 Millionen Einwohner, in Moskau leben elf Millionen Menschen.

Albert ist Musiker und arbeitet als Jurist in Moskau. So etwas wie Rapinfo hat er noch nie gesehen. "Ich hasse Rap eigentlich wirklich, aber das ist ganz schön cool, das mag ich. Nur komisch, dass Ria Novosti so etwas finanziert, die sind doch staatlich." Ria Novosti ist die größte Nachrichtenagentur Russlands, finanziert mit staatlichen Geldern. Tatsächlich ist die Agentur der Hauptakteur hinter Rapinfo, fünf Redakteure und die beiden Rapper bilden das Team. Die Macher von Rapinfo sind also nicht irgendwelche oppositionellen Wortakrobaten, die Putin ins politische Nirvana rappen wollen – das Projekt ist eine gut geplante Kampagne.

Staatlich finanzierte Nachrichten für die junge Zielgruppe

"Ria Novosti sucht permanent nach Wegen, um die Anzahl der Nutzer auf ihren Websites zu erhöhen. Für die Massenmedien sind die jungen Zuschauer am schwersten zu erreichen", erläutert Ria Novosti in einer Projektbeschreibung. Zielgruppe sind demnach Jugendliche zwischen 12 und 24, die Rap-Musik mögen – und das sind, einem der größten Szene-Magazine Moskaus zufolge, 90 Prozent der Schulabgänger. Deswegen soll Rapinfo die Jugend nicht nur an die Bildschirme locken, sondern Russland auch ein bisschen gesünder machen. DinoMC47 und sein Kompagnon ST rappen gegen das Rauchen, gegen Drogen, gegen Alkoholmissbrauch.

Eine von der Regierung ausgeklügelte und gesteuerte PR-Kampagne ist Rapinfo dennoch nicht, sondern ein Versuch junger Menschen, ein Programm für ihre Altersgenossen zu machen. "Das Führungsgremium von Ria Novosti ist recht jung und auch an Objektivität interessiert", sagt Alexander Rahr, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Er berät unter anderem die Bundesregierung , wenn es um die Zusammenarbeit mit Russland geht. Rahr sieht die Internet-Revolution voranschreiten. "Selbst Putin, der vor wenigen Monaten noch nichts vom Internet wissen wollte, macht plötzlich Online-Wahlkampf. Die Machthaber wissen, dass sie die Jugend nicht per staatlicher Verlautbarung umerziehen können."

Trotzdem herrscht vielerorts Gleichgültigkeit. "Ruhig bleiben", sagt Artur, "zur Revolution kommt es nie". Er ist Philosophie-Student in Belgorod, einer Stadt acht Autostunden südlich von Moskau. "Ja, man kann im Internet sagen, was man will, aber ändern wird sich ja doch nichts. Dafür kann man aber behaupten, man hätte Demokratie. Hier wird vielen schon übel von der vielen Kritik an Putin, die sowieso nichts ändert."

Aber die Provinz gehört ja auch nicht dazu, zur aktuellen Protest-Front. In der russischen Hauptstadt rappt DinoMC47 : "Blogger, Hipster und Moskauer sind der Kern des neuen Protests / ihre Forderungen und Ideen sind nun vielen Menschen zugänglich / nur die Machthaber streiten sich, wie in Krylows Parabel über den Schwan, Krebs und den Hecht [ Anm. d. Red.: Jeder zieht in eine Richtung und am Ende kommt niemand voran] / doch das Positive ist, dass sich endlich was bewegt und zum besseren wendet."

Ganz so optimistisch sind die neuen Rapinfo-Fans Maria, Albert und Artur nicht. Alexander Rahr hingegen glaubt, dass sich etwas ändern wird in Russland. "Menschen, die nach dem Kommunismus geboren sind, lassen sich vom Staat nicht mehr einschüchtern. Im Moment gibt es allerdings keine Alternative zu Putin." Über die Situation nach den Massenprotesten sagt Rahr: "Die Angst ist weg."