Dies vorab: Die Stimme hielt. Man war ja besorgt nach Konzertberichten aus Stuttgart und Frankfurt am Main . Aber der Sänger hatte den Virus besiegt und bot dem Berliner Publikum die unbegrippte Randy-Newman-Knödelstimme und drei Dutzend Songs. Der Admiralspalast war keineswegs ausverkauft, obwohl die Eisläuferin Witt erschien, der Filmregisseur Dresen, der Fernsehschmunzler Jobatey und sonstiges Bürgertum, das Rockfans selten begegnet.

Nun ist Newman keineswegs ein Rocker, er wurde nur in der Rock-Ära populär. 1943 als Arztsohn in Los Angeles geboren, gelangte er nach eigenem Gefühl durch die Hintertür ins Haus der Popkultur, introspektiven Bekennern wie Joni Mitchell und Leonard Cohen ähnlich. Newmans Tugenden waren Sarkasmus, Komik und sinnlich bebilderte Intellektualität. Sein Ich erschien in vielerlei Gestalt – als Liebender und als Rassist, als Kind, als Transvestit. Als Gott, der den Holocaust erklären soll. Gott tut's, in dreieinhalb Minuten am Moll-Klavier: Die Menschheit bedeute ihm weniger als eine Kaktusblüte, doch ihr gläubiges Beten amüsiere ihn: " I burned down your cities / How blind you must be / I take from you your children / And you say: how blessed are we / You all must be crazy / To put your faith in me / You really need me / That's why I love mankind."

God's Song hat Newman in Berlin nicht dargeboten, aber schwungvoll ins, nun ja, Hit-Repertoire gegriffen. Nach Mama Told Me Not To Come , dem zweiten Song, mussten die scheußlich klickenden Fotografen weichen. Das Bildprogramm des Abends war rasch erfasst: ein Flügel, daran ein älterer Herr im dunklen Anzug. Dunkler geriet Bad News From Home . Alsdann Jolly Coppers On Parade und Birmingham und You Can Leave Your Hat On und Lonely At The Top und I Miss You und Short People – unfassbar, dass diese Liliputaner-Verhöhnung einst als Newmans Intention missverstanden wurde. Sodann You've Got A Friend In Me , geschrieben für Toy Story . Als Filmkomponist ist Randy Newman weit weniger bekannt denn als Songschmied, obwohl er auch die Szenen und Charaktere seiner Lieder filmisch strukturiert. Ragtime tänzelt, Bass-Akkorde tölpeln, gebrochene Seelen schweben im Nachhall der europäischen Romantik.

Der Meister intonierte Langvertrautes

Randy Newmans Konzerte ähneln Lyrik-Lesungen. Die Songs sind kurz, die komplexen Texte auf's Optimum reduziert. Ständig wechseln Topos, Szenerie und Personal. Gedichte muss man langsam lesen, und mehrfach, sonst rauschen sie vorbei. Newmans bildungsbürgerliche Gefolgschaft versammelt Eingeweihte, denen ihr Meister Langvertrautes intoniert. Jüngeren Datums ist I'm Dead (But I Don't Know It ), die Selbstpersiflage auf untote Rocker. Lustvoll antwortete das Publikum: He's dead! He's dead! Dann wieder Stille für Political Science , worin Newmans lyrisches Ich beschließt, die nichtamerikanische Welt per Atomschlag auszulöschen: Let's surprise them (…) pulverize them … Afrika ist ohnhehin zu heiß, Europa zu alt. Boom goes London / And boom Paris … Australien wäre zu schonen, wegen der Kängurus. Andachtsvolles Lauschen, bis auf einige Barbaren, die rhythmisch klatschen wollten. Hass ergriff den Reporter: Let's drop the Big One now!

Pause.

Es fehlte nur das Orchester

Im zweiten Teil fragte Newman nach Wunschmusik. Es erhob sich ein begehrendes Gebrüll. Newman hörte die Wünsche und erfüllte keinen. Er sang jedoch des Reporters Top 3: Prachtexempel der Kunst des Universalen in der konkreten Welt. Louisiana 1927 von 1974 gilt ebenso für New Orleans' Katrina-Katastrophe 2005. Die Depressionshymne Baltimore wurde 1991 von der Ost-Rockband City für hiesige Nöte adaptiert und verdeutscht zu Rüdersdorf . Schließlich Newmans Opus magnum. In Germany before the war / There was a man who owned a store / In 1934 / In Dusseldorf… Wer kann dieses Mordgutachten hören, ohne dass es ihn überläuft? Der Mann, abendlich in den Rheinauen auf Beutegang. Das blonde Mädchen mit den grauen Augen. Der Blick, das Brillenglas. Das Mädchen, so still im Grase, neben dem Mann, der einstweilen Frieden hat, bis zum nächsten Blut. Längst ist der Chronist ins Ich gewechselt: I'm looking at the river but I'm thinking of the sea.

Es gab dieses Ich. Peter Kürten hieß der Mann, ein neunfacher Sexualmörder aus Düsseldorf . Dort wurde Randy Newmans erste Frau geboren. Auch ihrer gedachte er im Konzert. Nicht alle Newman-Songs sind Rollenspiele. Es gibt unverstelltes Sentiment und echte Tränen. Sail Away , dann war's vorbei. Gelassen schlenkerte der freundliche Senior von der Bühne. Er wurde zurückbefohlen und spielte The Great Nations Of Europe , seinen Beitrag zum Untergang des Imperialismus. Dann schied er mit dem Jugendwerk I Think It's Going To Rain Today .

Was fehlte diesem großen Solo-Abend? Nichts. Aber doch: die gerissene Sinfonik von In Germany Before The War , Glenn Freys Gitarre in Baltimore … Deshalb braucht man Little Criminals , wie Newmans andere Platten, inklusive der jüngsten Edition Live in London , auf der Newman mit Orchester konzertiert. Das schwärzt die Sehnsucht, das erleuchtet die Empathie. Erlöst wird nur, wer liebt.