ZEIT ONLINE: Frau O'Connor, auf dem Cover Ihres neuen Albums sieht man ein kleines Mädchen, vielleicht zwei Jahre alt, das auf einem Fensterbrett sitzt und nach draußen schaut. Es hält dem Betrachter die Hand entgegen, als würde es sich gegen fremde Blicke wehren wollen. Was hat es damit auf sich?

Sinéad O'Connor: Ich mag das Bild, weil es mich so an den Titel der CD erinnert hat. Es stammt von einem irischen Maler namens Neil Condron und heißt Upon small shoulders. Ich habe es vor ein paar Monaten entdeckt. Es ist das erste Bild das ich jemals gekauft habe. Ich mache so etwas sonst nicht.

ZEIT ONLINE: Was sagt Ihnen das Bild?

O'Connor: Das Kind hat etwas gehört, das von draußen, irgendwo aus der Luft kam, und es will weiter zuhören. Mit seiner Geste wehrt es sich gegen alle, die es mit irgendwelchem Gequatsche belästigen. Es sagt so etwas wie: "Behaltet eure Meinungen für euch. Lenkt mich nicht ab. Shut the fuck up!"

"Shut the fuck up!" Das Cover zum neuen Album

ZEIT ONLINE: Der Titel Ihres Albums heißt doch aber How About I Be Me (And you be you)...

O'Connor: Für mich ist Shut the fuck up! seine wahre Bedeutung. Dieses Mädchen will seine ganze Aufmerksamkeit dem schenken, was ihr wirklich wichtig ist, was in ihr selbst vorgeht, ihrer Musik zum Beispiel.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Bild zu Hause aufgehängt?

O'Connor: Ich sollte das vielleicht nicht sagen, sonst kommt noch jemand vorbei und klaut es. (lacht) Ja, es hängt in meinem Schlafzimmer.

ZEIT ONLINE: In dem Eröffnungssong 4th & Vine macht sich eine äußerst gut gelaunte Braut bereit für ihre Hochzeit.

O'Connor: Ich war nicht für die Reihenfolge der Titel auf der CD zuständig. Normalerweise kümmere ich mich auch darum, aber diesmal habe ich die Entscheidung dem Produzenten überlassen. Alle Songs auf dem Album wurden zwischen 2007 und 2009 geschrieben, also machen Sie bitte nicht den Fehler, jüngste Ereignisse in meinem Leben mit diesen Songs in Verbindung zu bringen.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf Ihre vierte Ehe an, die im vergangenen Dezember für Schlagzeilen sorgte, weil Sie sich nach nur 16 Tagen wieder haben scheiden lassen. Auch 4th & Vine klingt so, als hätten Sie zum Heiraten ein ähnliches spielerisches Verhältnis wie ein Kind zu einer Faschingsparty.

O'Connor: Das ist kompletter Quatsch! Der Song ist einfach aus der Perspektive eines Mädchens geschrieben, das sich eine Hochzeit so vorstellt, wie sich Mädchen Hochzeiten eben vorstellen. Nächste Frage.

ZEIT ONLINE: Als ich kürzlich in Tunis in einer Bar saß, die man wohl als links bezeichnen würde, voll von jungen Männern, die wie Che Guevara aussahen, lief dort zufällig Ihr zweites Album I Do Not Want What I Haven't Got.


O'Connor:
Wirklich? Interessant.

ZEIT ONLINE: Haben Sie jemals Reaktionen von Hörern aus dem arabischen Raum bekommen?

O'Connor: Nein. Aber möglicherweise haben die Menschen da einfach eine andere Art von Weisheit im Umgang mit Künstlern. Sie werden nicht zu Stalkern, zu verrückten Fans, die einen belagern oder ständig Fanpost schicken. Sie lassen einen in Ruhe.