Fender will an die Börse, aus Gitarrenlegenden ein Aktiengeschäft aufbauen. Ginge es nach Channy Leaneagh, muss die Unternehmung scheitern: Wer braucht denn noch Gitarren! Leaneagh singt lieber wie eine. Sie schickt ihre Stimme durch Effektgeräte, Echoräume und digitale Korrektoren, bis sie sich als klagendes, körperloses Orakel über dem Rhythmusfundament erhebt. Dieser entmenschlichte und doch so empfindsame Gesang ist das Insignium von Poliça. Wer ihn einmal hört, vergisst ihn nicht.

Von Minneapolis aus verbreitet sich die Kunde dieser jungen Band. Gerade ein Jahr gibt es Poliça, das erste Album Give You The Ghost erscheint am 11. Mai in Deutschland, und längst sind sich die englischsprachigen Blogger, Radiomacher, Zeitungskritiker und Musikerkollegen einig, dass da etwas Großes kommt. Vielleicht das beste Debüt dieses Jahres.

Channy Leaneagh und Ryan Olson treffen mit ihrem Projekt einen Nerv, den schon The XX und James Blake zu kitzeln verstanden. Die Lust am Rückzug, an intelligenter Innerlichkeit, Weltabgewandtheit, Schlichtheit. Party ist wieder wohlige Traurigkeit wie in den Achtzigern. Poliça wirken durch einen Magnetismus, der den Hörer ins Zentrum ihrer dunklen Hallräume zieht.

Rekorder - Rekorder: Poliça spielen "Lay Your Cards Out"

Flirrende Synthesizer, knackiger Funkbass, dazu ein Schlagzeug, nein, zwei! Dann löst sich ein Kunstklang aus dem Rhythmuskorsett, formuliert Worte zu Sätzen, Töne zu Melodien, zu Phrasen, die sich wiederholen, ineinander greifen, sich überlagern. Es singt der Geist aus der Maschine. Spukt’s hier?

Der Zauber heißt Autotune, Leaneagh wendet ihn in jedem Song an. Die Stimme, das menschlichste aller Instrumente, der technischen Verfremdung zu unterwerfen, ist einerseits die pragmatische Ausweitung von Effektpedalen auf den Gesang. Warum sollte sich eine Sängerin solche Stilmittel versagen? Andererseits erinnert es an den technikkritischen Futurismus, der Kraftwerk zu zeitloser Bedeutung verhalf.

Aber es darf nicht unterschlagen werden: Autotune ist, wenn auch mittlerweile ein Kunsteffekt, vor allem ein Trick, um vokale Unzulänglichkeiten auszugleichen. Es war sicherlich nicht als Verbeugung vor Cher und dem Trashpop der Neunziger gedacht, als sich jüngst der Rapper Kanye West mit Autotune zum Sänger mogelte. Und dass der wunderwarme Folkbariton von Justin Vernon plötzlich gospelhafte Melismen hervorbrachte und hernach Bon Ivers Musik gar als Soulfolk beschrieben wurde, liegt nicht zuletzt an der magischen Wirkung von Autotune.

Dass schließlich beide, der Rapper und der Trapper, zusammenfanden, gemeinsame Songs aufnahmen und verdeutlichten, dass es immer noch um Musik und nicht um die Schrittlänge der Hosen geht, brachte Autotune den Status einer postmodernen Friedenspfeife ein. Jetzt darf jeder mit jedem spielen. Im Musikerkollektiv Gayngs aus Minneapolis schließlich fanden die unterschiedlichsten Stilistiker zusammen, unter anderem auch Justin Vernon, Ryan Olson und Channy Leaneagh. So kam die Friedenspfeife zu Poliça.