Vor dem Bühneneingang des Frankfurter Cocoon-Clubs stehen zwei Lieferwagen einer Klavierspedition. Manche meinen, Yuja Wang müsse mehr als zwei Hände haben, so schnell spielt sie – aber zwei Klaviere? "Die haben mir einen Kawai-Flügel hingestellt", erklärt die Pianistin, "der muss wieder raus, habe ich gesagt, ich spiele nur Steinway ".

Yuja Wang kann es sich leisten, Bedingungen zu stellen. 2011 hat sie den Klassik-Echo gewonnen, gerade erschien ihr viertes Album bei der Deutschen Grammophon: Fantasia , eine Sammlung von Miniaturen von Scarlatti bis Rachmaninow, die sie bisher bei ihren Konzerten als Zugabe spielte.

Wie gut kennt sie Deutschland?
"Ich habe große Städte gesehen – Dresden , Hamburg , München , Berlin –, und ich liebe die kleinen Städte im Sommer. Das ist Romantik! Die grünen Bäume, die Vögel am Morgen, die Luft ist so frisch – da fängt man an zu verstehen, wie Schubert diese ganze Musik geschrieben hat."

Vor dem Soundcheck liegt Wang müde auf einer Bank, eine Kanne Grüntee neben sich. Die 25-Jährige steckt in einem sehr kleinen Schwarzen, eine Schulter ist nackt, die andere ziert eine Glitzerepaulette. Die bequemen Stiefel passen nicht recht dazu – später trägt sie stattdessen klavierlackschwarze High Heels. Mit ihren Outfits erregt die Pianistin fast ebenso viel Aufsehen wie mit ihrem ausdrucksstarken Spiel. Prüde US-Kritiker schimpfen darüber, YouTube-Nutzer schreiben lüsterne Kommentare .


Geht ihr die Aufmerksamkeit für ihre Kleidung auf die Nerven?
"Das ist mir egal. Ich ziehe mich halt so an. Ich trage auch kurze Röcke, wenn ich nicht auf der Bühne bin. So bin ich, ich bin 25 Jahre alt. Klassische Musik braucht so was nicht, sie spricht für sich selbst – aber irgendwie achtet das Publikum sehr auf die Oberfläche. Die Kommentare sagen mehr über die Kommentatoren aus als über mich oder über Musik."

Ihr neues Album heißt Fantasia wie der Disney-Film, und sie spielt auch den Zauberlehrling von Paul Dukas , der dessen berühmteste Szene untermalt.

"Das war das Stück, das mein Interesse an klassischer Musik geweckt hat, als ich mit neun oder zehn den Film gesehen habe. Deshalb habe ich eine Klavierfassung geschrieben."

Bei Lang Lang , Yuja Wangs ungleich berühmterem Klavierkollegen, stand ein Tom-und-Jerry -Cartoon am Anfang der Karriere, in dem der Kater eine Ungarische Rhapsodie von Franz Liszt spielt. Als "weiblicher Lang Lang" lässt Wang sich aber ungern bezeichnen, obwohl beide am Curtis Institute in Philadelphia ( Pennsylvania ) denselben Lehrer hatten.