Seit einigen Wochen erscheinen massenweise Artikel über ein "Internet-Phänomen", einen "Youtube-Star" namens Valentina Lisitsa . Die Pianistin werde gern als Justin Bieber der Klassik bezeichnet, heißt es darin fast immer. Ach, ja? Und wer bezeichnet sie gern so?

Ihre Plattenfirma. Auf Klassik Akzente , einer Website des Universal-Konzerns, stand am 15. Juni, ihr YouTube-Kanal habe 53.500 Abonnenten: "Dimensionen, die an Popstar Justin Bieber erinnern, dessen globale Erfolgsgeschichte ebenfalls auf Youtube begann." Seither geistert die Referenz durch die Weltpresse, on- und offline.

" Known as the Justin Bieber of classical music ", schreiben BBC Online und Sydney Morning Herald , " La Justin Bieber de la music classique ", schreibt Europe1 , "Valentina Lisitsa được coi là Justin Bieber của âm nhạc cổ điển", schreibt Xaluan (was womöglich auch heißen könnte, "Valentina Lisitsa und Justin Bieber haben nichts, aber auch gar nichts gemeinsam" – kann jemand da draußen Vietnamesisch?).

Es sieht nicht so aus, als sei ein maßgebliches Medium (dieses hier eingeschlossen) von selbst auf die klassische Justine Bieber gestoßen: Alle verwenden den Begriff erst, seit Klassik Akzente Lisitsas Konzert in der Royal Albert Hall damit bewarb . Inzwischen hat es stattgefunden, ist auf CD gebrannt und bei Decca, im Universal-Konzern, erschienen. Für die Musikerin, die laut Rheinpfalz "wegen ihres Karriereschubs durch YouTube (…) gern als 'Justin Bieber der klassischen Musik' bezeichnet wird", ist dieses Album und die von ihrer Plattenfirma erwirkte Medienpräsenz der wahre Karriereschub.


Facebook-Freunde
und Twitter-Follower der Pianistin durften mitbestimmen, was sie in London spielen würde. Dabei konnte kein Programm herauskommen, das neue Horizonte eröffnen würde: eine schwere Mondscheinsonate , Chopin- Nocturnes , Liszts Liebestraum , eine flotte Für Elise , ein bisschen Skrjabin und Rachmaninow, um die beachtliche Fingerfertigkeit der Ukrainerin auszustellen.

Lisitsa, 1973 in Kiew geboren, bekam mit drei Jahren ersten Klavierunterricht und spielte mit vier ihr erstes Konzert. Sie ergatterte einen Platz an der Lysenko-Musikschule für begabte Kinder, studierte später am Konservatorium in Kiew unter Ludmilla Tsvierko. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Alexei Kuznetsoff kennen, mit dem sie 1991 einen wichtigen Wettbewerb für Klavierduos gewann. Seit 1992 lebt das Paar in den USA . Die Pianistin beschreibt das als Ausbruch aus einem rigiden, wettbewerbsorientierten System. Eigentlich wollte sie Schachprofi werden, sagt sie im Booklet zur CD, habe sich aber dummerweise stets für die schönen, nicht für die effizienten Züge entschieden.

Dafür arbeitet sie dann doch recht effizient. Sie hat Alben und drei DVDs auf eigene Faust herausgebracht, in der Carnegie Hall, im Wiener Musikverein und mit dem Stardirigenten Lorin Maazel gespielt. In der Universal-Familie tauchte sie im Herbst 2011 als Klavierpartnerin von Hilary Hahn mit Sonaten für Violine und Klavier von Charles Ives bei der Deutschen Grammophon auf.

"Wenn ein großer Musikstar geboren wird, läuft eine riesige PR-Maschine an", sagt Valentina Lisitsa , "plötzlich sieht man dieses eine Gesicht auf Musik-Magazinen und überall, und dann fangen die Leute an, Sachen zu kaufen, auf denen dieser Name steht". Genau das passiert jetzt. Dabei will die Pianistin doch beschreiben, dass sie anders ist: "Bei mir war es genau das Gegenteil: Es kam von unten – die Leute brachten mich hoch, weil sie es wollten – und das mögen sie eben."

Beachtliche Technik ohne besonderes Konzept

Vielleicht mögen sie auch ihr Klavierspiel, denn "Youtube-Pianistin Valentina Lisitsa ist im Gegensatz zu Justin Bieber hochbegabt", wie der Kurier schreibt. Als Vorbilder nennt sie große Protagonisten der Virtuosität wie Josef Hofmann und Wilhelm Backhaus. Die Kritik ist sich einig, dass Lisitsa über beachtliche technische Fertigkeiten verfügt.


Über die Tiefe ihrer Interpretationen gehen die Meinungen auseinander . Ihr Stil ist unspektakulär, kommunikativ, individuell. Ein großer Entwurf, ein Konzept ist nicht zu hören. Schaut man sich das fast drei Stunden lange Video zum Konzert an, lernt man eine offene, interessant über Fußball, Theater und Klassik plaudernde Pianistin kennen, deren harter slawischer Akzent in harschem Kontrast zu ihrer englischsprachigen Eloquenz steht.

Lisitsa ist nicht die einzige klassische Musikerin, die Klicks auf YouTube sammelt "wie Justin Bieber in der Welt des bunten Teenie-Pops" ( nachrichten.at ). Ihre Mondscheinsonate kommt auf etwa 3,2 Millionen Aufrufe, ein Chopin von Valentina Igoshina , den wohl ein Fan hochgeladen hat, schafft knapp vier Millionen. Bei der Plattenfirma Warner, der die Russin unter Vertrag hat, ärgern sie sich sicher schwarz über die Werbemasche der Konkurrenz.

Aber Lisitsa lud schon Clips hoch, als YouTube gerade erst gestartet war, sie spielt viele Standards, nach denen User oft suchen, und sie kommuniziert mit ihren Fans. Das zahlt sich aus, die in der Summe mehr als 45 Millionen Aufrufe für Videos in ihrem Kanal dürften für die Klassik in der Tat Rekord sein. Aber "Dimensionen, die an Popstar Justin Bieber erinnern?" Kaum – bei dem sind es 2,6 Milliarden Aufrufe.