Dass dieses Land dein Land ist, dass dieses Land mein Land ist, von Kalifornien bis New York Island, vom Redwood Forest bis zu den Wassern des Golfstroms – es war zuletzt Neil Young , der diese naturkommunistische Grundsatzerklärung auf seinem neuen Album Americana unters Volk brachte. Der Erste war Woodrow Wilson Guthrie , der am 14. Juli seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Schon im März dieses Jahres lud seine Tochter einige Musiker ein, unbekannte Texte ihres Vaters zu vertonen: Jay Farrar, Will Johnson, Anders Parker und Yim Yames nahmen das Album New Multitudes auf. Jeff Tweedy und Billy Bragg hatten ihn bereits 1998 auf Mermaid Avenue geehrt.

"So groß war die Wirkung, die Woodys Songs auf mich ausübten; ihr Einfluss erstreckte sich auf alles, was ich unternahm, darauf, was ich aß, wie ich mich kleidete, wen ich kennenlernen wollte und wen nicht", schreibt Bob Dylan in Chronicles . Für Dylan , der sich bis dahin mit der Folk- und Blues-Geschichte seines Landes beschäftigt hat, ist Guthrie die Stimme, die in die Zukunft weist, weil sie die Kraft hat, aus der Tradition Neues zu schöpfen.

Als Dylan 1961 nach New York kommt, hat der schwerkranke Woody Guthrie noch sechs Jahre zu leben. Für sein Debütalbum borgt er sich die Melodie von Guthries 1913 Massacre . Es wird sein Song To Woody . Er adressiert ihn an Woodys Freund Cisco, an Sunny und Leadbelly, singt für all die Herzen und Hände der Männer, die mit dem Staub ankommen und vom Winde verweht werden.


Woody Guthrie ist mehr als ein Folksänger, er ist ein Lebensmodell. Bound For Glory heißt seine Autobiografie, die 1943 veröffentlicht wird. Mit dem ersten Kapitel ist man mitten in der schweißschwangeren Luft eines Güterwagens. Hasardeure, Penner, Glückssucher – unter ihnen ein junger Mann aus Okemah in Oklahoma , der ein staubiges Leben in Bewegung führt und in all dem Geschubse und Geremple versucht, seine Gitarre zu retten. Ein wenig fühlt man sich an Jack London erinnert, den Abenteurer des Schienenstranges.

Im Dezember 1948 hebt Jack Kerouac den Telefonhörer ab. Am anderen Ende ist sein Kumpel Neal Cassady. Mitte Januar brechen sie auf. Zu einer wilden Reise durch Amerika , die die Grundlage für On The Road wird. Das Leben sollte wieder frei sein, ehrlich und gefährlich. Jahrzehnte später bastelte sich Tom Waits aus diesem Credo sein eigenes Hobo-Image.

Guthries Bound For Glory wiederum lässt den Ursprung all jener Roadmovies erkennen, in denen die Beatniks, nachgeborenen Folksänger und Post-War-Hippies die Hauptrolle spielten. Mit einem wesentlichen Unterschied: Der Schwung, mit dem Woody Guthrie sein Land durchmaß, erwuchs aus den Naturgewalten seines Lebens. Kerouac, Dylan oder Waits waren dagegen romantische Wanderer auf einem selbstinitiierten Erfahrungstrip.

Ein Feuer vernichtet das erste Haus der Guthries. Nach dem Umzug kommt ein Wirbelsturm über sie. Der kleine Woody treibt in seiner Autobiografie durch die Abenteuerwelt des Ölbooms und verkauft Zeitungen. Ein Ölfeld entzündet sich und nimmt ein paar Häuser mit. Ein Kerosinofen explodiert. Woody plaudert noch mit seiner Schwester, die verbrannt im Bett liegt. Ein paar Minuten später ist sie tot. Es ist dieser Moment, der seine Mutter stark verändert. Nora hat die Huntington-Krankheit, eine erbliche Erkrankung des Gehirns.

Umzug nach Oklahoma City. Dann explodiert wieder ein Ölofen – oder die Mutter hat den Vater mit Kerosin übergossen, wer weiß das schon? Der Vater kommt ins Hospital. Die Mutter in eine Anstalt. Es ist, als habe das Leben Woody Guthrie vor die Tür gesetzt. Der Vater arbeitet jetzt in Texas . Woody muss gucken, was wird.

Er folgt dem Vater. Verkauft in Prohibitionszeiten Kräuterbier, malt Bilder, Schilder. Und merkt plötzlich, dass man auch mit Gitarre spielen und Singen Geld verdienen kann: "Dann wurde ich etwas mutiger und machte Lieder darüber, was meiner Meinung nach falsch sei und wie es richtig gemacht werden sollte." So einfach ist das. Heute gibt es in Okemah, dem Nest, in der Nähe von Oklahoma einen Woody Guthrie Boulevard. Ein Jahr vor Guthries Geburt hatte ein Lynchmob hier an der Brücke über den North Canadian River noch die Afroamerikanerin Laura Nelson und ihren Sohn Lawrence gehängt.

Komplex aus Elend und Agitation

Woody macht sich auf den Weg nach Kalifornien. Es sind die dreißiger Jahre. Durch die exzessive Bewirtschaftung sind die Böden ausgelaugt – Dust Bowl . Sandstürme fegen über die Ebenen und entreißen den Menschen ihre Lebensgrundlage, literarisch dokumentiert in Steinbecks Früchte des Zorns . Woody ist in Gesellschaft der Zwangsreisenden, die von den Stürmen entwurzelt werden. Seine Lieder sind Teil der Lebenswirklichkeit. Sie schlagen mit der Klarheit ihrer Sprache Pflöcke in den schwankenden Boden. Die Ungerechtigkeiten, denen Woody sich wie ein singender Reporter aussetzt, politisieren ihn bis zum Kommunismus.

Später wird er in New York die Dust Bowl Ballads aufnehmen, für den Volksmusikforscher Alan Lomax und die Library of Congress. Damit hat er die Erbschaft für kommende Generationen angelegt. In Los Angeles singt er für den Sender KVFD, setzt sich ein für Roosevelts New Deal , mit dem man an eine Zukunft nach dem Elend glauben konnte.

Diesen Komplex aus Elend und Agitationsmusik kann man auch anders bewerten. Greil Marcus zitiert in Basement Blues die amerikanische Folkmusic-Forscherin Ellen J. Stekert, die in Guthrie und anderen nach ländlich-traditionellen und urbanen Maßstäben noch nicht einmal gute Künstler sieht und zu dem vernichtenden Urteil kommt: "Das städtische Publikum entblödete sich nicht, Armut mit Kunst gleichzusetzen."

Woody Guthries Verehrung mag auch der von der Folkgeneration der sechziger Jahre ausgerufene Sieg einer authentischen Existenz über die bürgerliche Verkünstelung gewesen sein. Andererseits erschienen in Guthries Liedern und in seiner Autobiografie die Menschen nicht in der Gnadenlosigkeit ihrer Existenz, sondern waren zu Höherem berufen. Diese Menschen sind es nämlich seiner Meinung nach, denen Amerika gehört und die in letzter Konsequenz Amerika sind.


" All you fascists bound to lose " – der letzte Dreck, er ist eine abstrakte Größe, den noch jeder Hobo utopisch überwinden kann. Woody selbst singt sich, mit den Industrial Workers of the World im Rücken, Hoffnung in seine Welt. Unerschütterlich in seinem Glauben, dass seine Gitarre Faschisten töten kann. Dylans Unerschütterlichkeit wird schnell durch den existentialistischen Zweifel eines jungen Sprechers einer neuen Generation zersetzt werden – sein Weg führt in die Zwischenwelt des Folkpoeten.

Wie seine Mutter erkrankte auch Woody an der Huntington-Krankheit. In Alice's Restaurant , dem Film seines Sohnes Arlo, besucht der seinen Vater im Krankenhaus. Pete Seeger steht am Bett und singt mit seinem Banjo Woodys Pastures of Plenty , während Arlo ihn auf der Mundharmonika begleitet: "Wenn es sein muss, werde ich mein Land mit meinem Leben verteidigen / denn meine fruchtbaren Weiden werden immer frei sein". Dann ein launig albernes Riding In My Car . Woody schweigt zu all dem. Dann öffnet sich sein Mund zu einem schiefen Lächeln.