ZEIT ONLINE: Das Leistungsschutzrecht gibt dem Künstler wenigstens ein bisschen Sicherheit. Bedeutet Ihnen das nichts?

Jundt: Ich liebe immaterielle Güter und habe in meinem zarten, jungen Leben gern Hunderte von Songs in die Wolke geschickt. Sie sollen auch irgendwann Allgemeingut sein, aber ich finde gleichzeitig den Gedanken angebracht, dass ich meiner Tochter von meinem bescheuerten Beruf etwas mehr als nur verschwitzte Fellmützen und geklaute Hotelhandtücher weitergeben kann. Was es heißt, ein kreatives Werk zu schaffen und dass davor ein jahrelanger Prozess steht, können sich viele Leute verständlicherweise nicht vorstellen. Wir können unsere Songs nicht von Kindern in China schreiben lassen.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich das Familienleben auf einen fahrenden Musikanten aus?

Jundt: Früher bin ich gerne mal nach Neuseeland gefahren, habe mir für ein paar Hundert Dollar einen alten Triumph gekauft, meine Tour gespielt und bin nach ein paar Monaten wieder zurück nach Berlin gegangen, wenn der Winter hier vorbei war. Aber irgendwann will man nachhaltiger denken. Am Ende geht es um das Jasagen zur Gemeinschaft, zu einer großen Band, zu Bonaparte. Ja, heute gehen wir zu zehnt nach Amerika , was total bescheuert ist. Aber wen sollen wir denn zu Haus lassen? Wir sind eine Familie geworden und unser Tun ist manchmal eher wie Zirkus im 19. Jahrhundert. 

ZEIT ONLINE: Kann man diesen Zirkus ewig durchhalten?

Jundt: Ich kann diese Ideologie durchaus vertreten. Man wird mich noch aus dem hölzernen Sarg letzte Parolen rufen hören! Ich bin groß geworden mit einer Generation von Jazzmusikern, die alle gespielt haben, bis sie ins Grab fielen. Das liest sich toll, ist aber auch hart. Am Ende spielst du in einer Hotelbar zur Happy Hour. Wir werden nicht ewig diese Art von Shows machen können. Vor allem die Tänzer können nicht mit 50 oder 60 Jahren so weitertanzen.

Rekorder - ZEIT ONLINE Rekorder: Bonaparte Bonaparte spielt: "My Horse Likes You"

ZEIT ONLINE: Dieses dritte Album ist nun das erste, das an nur einem Ort, in einem richtigen Tonstudio entstanden ist?

Jundt: Ja, ich habe alle meine analogen Instrumente eingesammelt, die auf der Welt verstreut herumstanden. Obskure Objekte mit Saiten, Tasten, Knöpfen und Reglern. Damit wurde es eingespielt, und man hört es auch. Es ist ein warmes und menschliches Album geworden. Ich konnte immer in Echtzeit die Sounds basteln, die ich wollte. Es ist breiter, höher, tiefer, härter, wärmer – akustisches 3-D.

ZEIT ONLINE: Und die Vorgängeralben sind hingegen immer zwischen Tür und Angel entstanden?

Jundt: Ich hatte leider in meinem Leben noch nie genug Zeit, um das perfekte Album aufzunehmen. Wir spielen ja die ganze Zeit. Ich mache es dann mit 56 Jahren, versprochen.

ZEIT ONLINE: Welchen Wert hat Musik?

Jundt: Für mich sind Musik und Kunst da, um den Menschen Fragen zu stellen, Antworten zu geben, etwas zu bewegen, gebraucht zu werden, sie zum Lachen und Weinen zu bringen. Songs werden geschrieben, damit man Kinder zeugen kann, während man sie hört. Songs sind da, um Regime zu stürzen. Rhythmus und Sprache sind Urgewalt. Musik hat eine Kraft, und das ist ihr zentrales Element.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von einem bedingungslosen Grundeinkommen für Künstler?

Jundt: Wenn dem Künstler garantiert ist, dass ihm die Leute überall auf der Welt einen Teller Suppe hinstellen, wenn er sagt, dass er Songschreiber ist und wenn er weiß, dass seine Kinder die Schule besuchen können wie die Kinder eines anderen, der von neun bis fünf arbeitet, dann hab ich kein Problem damit. Die Frage ist: Unter welchen Umständen ist das gewährleistet? Und kann dann jeder sagen, er sei ein Künstler?