Es ist Sonntagnacht, als Stefan Goldmann aus Berlin einen Plattenladen am anderen Ende der Welt betritt. Ryoma Sasaki springt sofort auf, um eine von Goldmanns Platten aufzulegen, dann begrüßt er seinen Gast ganz europäisch per Handschlag. Ryoma Sasaki ist immer da, bis spät in die Nacht, denn er ist nicht nur Chef, sondern auch der einzige Verkäufer bei Transit Records. Ein winziges Geschäft für elektronische Musik mitten in Kyoto , in dem jetzt Stefan Goldmanns Musik läuft. Was in Deutschland als anbiedernd missverstanden werden könnte, gehört in Japan einfach dazu. Japaner erweisen ständig ihren Respekt, mal aus reiner Höflichkeit, mal weil es ihnen am Herzen liegt, so wie jetzt.

Warum Stefan Goldmann so empfangen wird? Viele Japaner lieben deutschen Techno. Und Goldmann legt sonst ausgerechnet im Berghain auf, dem legendären Berliner Club, dessen Mythos sich bis Japan herumgesprochen hat. In jedem zweiten Plattenladen des Landes kann man Berghain-T-Shirts kaufen. Der Deutsche, der mit einem Stipendium ein paar Monate in Kyoto lebt, verkauft hier mehr Tonträger als zu Hause.

Populär sind in Japan dieselben Technokünstler wie in Deutschland, also Stars wie Sven Väth und Ricardo Villalobos, die auch regelmäßig dort spielen. Dagegen ist Stefan Goldmann, geboren 1978, ein Außenseiter, trotz seiner vielen clubtauglichen Platten. Aber weil die Japaner sehr gründliche Fans sind, kennen sie auch ihn. Seine Spielart ist avantgardistisch, er hat ein Faible für Neue Musik, remixt auch mal Igor Strawinsky . Zudem komponiert er elektroakustische Musik und ist Mitbegründer des Labels Macro.

Sie kennen den Berghain-Sound

Man kann Technofans in Tokio oder Kyoto nach Stilrichtungen fragen, die in Deutschland nur eine kleine Fanbase haben. Einige erzählen von der deutschen Techno-Szene, als würden sie an den Wochenenden regelmäßig durch Berliner Clubs tingeln. Sie kennen die Musik von Untergrundlabels wie Basic Channel, Kompakt, Perlon. Sie wissen um den Berghain-Sound, der so puristisch, dunkel und spröde ist, wie das Gebäude in dem er entstand, ein altes Heizkraftwerk mit hohen Decken und reflektierenden Wänden.


In Japan seien alle Augen auf die internationale Technohauptstadt Berlin gerichtet, sagt die Musikjournalistin Yuko Asanuma. Sie ist vor drei Jahren von Tokio nach Berlin gezogen, um deutsche DJs nach Japan zu vermitteln. "Jedes Wochenende spielen mindestens ein oder zwei DJs aus Deutschland in Japan." Die wichtigsten Clubbing-Ziele sind Tokio, Nagoya und Osaka , drei Metropolen in Zentraljapan. Mit dem deutschem Techno sei es wie mit der klassischen Musik, nur dass der Sehnsuchtsort Berghain heißt, nicht Berliner Philharmonie. Asanuma erzählt, dass japanische Clubgänger davon träumten, einmal nach Deutschland zu reisen, um den Berlin-Techno an seinem Ursprungsort zu erleben.

40 Euro Eintritt im Club

Dabei spielt nicht nur die Musik eine Rolle, sondern auch der Ruf Berlins als Ort der Freiheit. In ihrer Heimat, sagt Yuko Asanuma, gebe es insgesamt weit weniger Clubs als in Deutschland. In Japan seien die besonders fanatischen Musikliebhaber durchaus bereit, Eintrittspreise von umgerechnet 40 Euro zu zahlen. Dabei genössen japanische Clubs einen eher schlechten Ruf. Viele Jugendliche seien selbst noch nie in einem Club gewesen und glaubten Geschichten von hedonistischen Tanztempeln, die zu mafiösen Drogentempeln wurden.

Nach der jüngsten Welle von Polizeirazzien in Clubs mussten Dutzende Läden schließen. Aber nicht wegen ihrer Nähe zur Unterwelt, sondern, weil sie mit den komplexen Vorschriften zu Tanzflächengröße, Alkoholausschank, Tischzahl und Brandschutz überfordert waren. Die Gesetze stammen aus dem Jahr 1948 und die Clubszene fragte sich, warum die Polizei sie so plötzlich wiederentdeckt hatte. Noch ein Grund mehr, das in dieser Hinsicht offene Berlin zu überhöhen – ungeachtet der neuen Gema-Gebührenverordnung, die das Clubleben gefährdet.

Viele Japaner sind davon überzeugt, dass es große musikalische Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan gibt. In beiden Ländern ist die Musiklandschaft vielfältig, kann aber im Einzelnen sehr puristisch sein. Stefan Goldmann sagt, das japanische Publikum habe in der elektronischen Musik ein Gespür für Klassizitätsmomente, die Tageslaunen überdauern. Hier wie dort gebe es Leute, die sich einem Mikrogenre widmen und ihm ein Leben lang treu blieben. Yuko Asanuma sagt, deutsche Technofans seien oftmals überrascht, wie gut japanische Plattenläden selbst mit Nischenzeug sortiert seien.

Organisation, Disziplin, Konzentration

Im Mai beim Star Festival nahe Kyoto stand Stefan Goldmanns Name ganz oben auf dem Flyer, dahinter in Klammern schlicht "Germany". Offenbar genügt hier das Herkunftsland, um seine Relevanz in Sachen Techno zu bezeugen. Ein Kleinbus mit gehäkelten Sitzdeckchen brachte die Besucher vom Provinzbahnhof zum Festivalgelände zwischen bewaldeten Hügeln. Die Gäste reisten mit clubtauglichen Klamotten und aufwendigen Frisuren an. Zwei Tage dauerte das Festival, alles perfekt organisiert, sogar das Klopapier hielt bis zum Schluss.

Goldmann spielte am frühen Sonntagmorgen, zum Sonnenaufgang. Vor der Bühne tanzten Ausgeschlafene und Besoffene, von anderen Rauschmitteln sah man nichts. Nur der Hip-Hop-DJ aus Osaka erzählte von Drogen. Man könne alles bekommen, sagte er, dasselbe wie in Europa – nur, dass die Japaner eigentlich keine Drogen nähmen.

Beste Technik, bester Klang

Wie also feiern die Menschen in diesem aufgeräumten Land, in dem eine liegengelassene Bierflasche an Rebellion grenzt? Diszipliniert und auf die Musik konzentriert, egal ob im Wald oder im Club, wo ungeschriebene Regeln gelten: Geredet wird an der Bar, nicht auf der Tanzfläche. Die Leute in den Clubs wollen wirklich zuhören, sie sind nie zufällig irgendwo, sondern, weil genau hier genau ihre Musik läuft. Japanische Clubgänger sind Kenner, das macht sie so beliebt bei DJs aus der ganzen Welt. Weil alle zuhören und niemand redet, ist es in japanischen Clubs ungewohnt leise. "Man muss nicht so aufdrehen und es klingt trotzdem total fett", sagt Stefan Goldmann. Aus europäischen Clubs ist er einen Dezibelbereich gewohnt, in dem die Boxen schon den Sound verzerren. In Japan sind die Lautsprecher bestens eingestellt, die Technik bombastisch. Selbst in der letzten Höhle wird nicht an der Anlage gespart.

Der beeindruckendste Ort, sagt Stefan Goldmann, an dem er je gespielt habe, ist der Honen-In-Tempel in Kyoto. Eine buddhistische Stätte, durchzogen von verwinkelten Gängen aus Papierwänden und geheimen Zen-Gärten. Bis auf wenige Tage im Jahr haben nur Mönche Zutritt. Kurz vor der Heimreise wurde Goldmann die Ehre zuteil, hier Musik machen zu dürfen, in einem Raum, der sich an zwei Seiten zum Garten hin öffnet. Die Gäste der Techno-Zeremonie blickten auf dahingleitende Koi-Fische, schnurgerade Bambusstämme und schlürften ihren Tee.