Hindrichs: Offen faschistische Thesen sind natürlich in letzter Konsequenz gefährlicher. Aber da Nazibands sie über eine Musik verbreiten, die nicht dauerhaft mehrheitsfähig ist, halte ich den massentauglichen Transport eines latent völkischen Nationalismus wie bei Frei.Wild für bedenklicher. Jetzt rede ich mich womöglich um Kopf und Kragen: Aber ich finde die Gruppe weit weniger gefährlich als vielmehr anregend für einen breiten Diskurs über rechtes Gedankengut und wie es in die Gesellschaft einzudringen vermag. Dieser Diskurs reicht vom vermeintlich gesunden Patriotismus deutscher Fähnchenschwinger bei der WM bis hin zu Frei.Wild.

ZEIT ONLINE: Müsste man dafür nicht mit der Band in die Debatte treten, statt nur über sie zu reden?

Hindrichs: Aus wissenschaftlicher Perspektive muss man alle Seiten beleuchten. Die Gesellschaft sollte also als Ganzes darüber diskutieren, ob es nicht wichtiger sein sollte, Demokrat zu sein als Patriot zu sein. Die Frage ist nur, ob sich Frei.Wild daran beteiligen will, denn damit würden es sich ja womöglich selbst seines PR-Potenzials berauben.

ZEIT ONLINE: War es also richtig von der Echo-Jury, die Nominierung zurückzuziehen oder hätte man sich da öffentlich durchkämpfen sollen?

Hindrichs: Da bin ich gespalten. Auf dem jetzigen Stand der Erregung hatte die nominierende Deutsche Phono-Akademie wohl keine Alternative. Sie hat dies aber auf sehr bedenkliche Weise begründet, indem die Pressemitteilung davon sprach, der Echo sei kein geeigneter Schauplatz einer öffentlichen politischen Debatte. Das ist er doch! Musik ist grundsätzlich Vollzug sozialen und kulturellen Handelns. Genau hier wird es für mich als Musikwissenschaftler ja erst richtig interessant: wenn die Rezipienten, also Hörer, darauf insistieren, das sei doch alles gar nicht politisch, sondern bloß deutscher Rock, der mit Politik überhaupt nichts zu tun habe.

ZEIT ONLINE: Ist es das denn bloß deutscher Rock? Oder wie bewerten Sie Frei.Wild musikalisch?

Hindrichs: Auch wenn ich Gefahr laufe, mich dem nächsten Shitstorm auszusetzen: Frei.Wild ist 08/15-Rumpelrock, musikalisch alles andere als aufregend. Ihr Erfolg hat wohl doch eher mit den Inhalten zu tun.