ZEIT ONLINE: Herr Kuhn, Sie sind ein alter Hase. Gerade haben Sie Ihren 85. Geburtstag gefeiert und sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Jazz-Sessions in den legendären Capitol Studios in Los Angeles. Waren Sie aufgeregt?

Paul Kuhn: Ich war sogar ziemlich aufgeregt, obwohl ich nicht dachte, dass ich es sein würde. An dem Mikrofon haben zwar schon Nat King Cole und Frank Sinatra gesungen, aber das ist doch egal, oder? Dann steht das Mikrofon da, und es ist eben nicht egal! Ich habe meine Stimme noch nie so persönlich gehört. Da hört man jeden Zahn.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiteten dort unter anderem mit Al Schmitt, der schon die Musik zu Breakfast at Tiffany's oder die Platten von Ray Charles veredelte.

Kuhn: Wenn überhaupt irgendwo etwas professionell gemacht wird, dann in diesen Heiligen Hallen. Als ich mal spontan etwas singen wollte, waren ohne Aufhebens zack, zack zwei Schallwände, ein anderes Mikro und ein Tisch mit zwanzig Bleistiften aufgebaut. Wie der Blitz. Und wenn ich fragte: "Wann können wir anfangen?", hieß es: "Jederzeit! Es läuft immer". Auch beim Probieren. Kann ja jederzeit sein, das was Tolles kommt.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie mit Ihren amerikanischen Kollegen geprobt?

Kuhn: Wir mussten die Stücke meist nur anspielen. Einer nickte, dann war das gelaufen. Es gibt ja zum Beispiel ein Reihe bestimmter Schlüsse im Jazz, die macht man halt so. Und die Vorbereitung zu einem Schluss, die ist dann im Grunde auch immer ähnlich. Man hört also schon: Aha, da will er raus, also läuft es auf diesen oder einen anderen Schluss zu. Wenn man macht: "Bomm, di-dn-da-da-da", dann folgt: "Bamm, Bamm!" Ist doch klar, oder?

ZEIT ONLINE: Sie gehen jetzt auch wieder auf Tournee. Wie halten Sie Ihre Finger fit?

Kuhn: Indem ich spiele, jeden Tag. Eine Stunde sollte es schon sein. Das schaffe ich nicht immer, aber wenn ich zu Hause bin, habe ich Zeit. Arrangieren geht ja nicht mehr, weil ich nicht mehr richtig gucken kann. Früher habe ich das oft gemacht. 180 Partituren liegen bei mir, alle noch mit der Hand geschrieben!

ZEIT ONLINE: Auf Ihrem Album sind allerdings auch neue Stücke von Ihnen.

Kuhn: Die hatte ich aber nicht aufgeschrieben. Ich spielte so, so, so, (Paul Kuhn schiebt den Kaffee beiseite und nutzt den Tisch als Klavier). Die Jungs hörten kurz zu und wussten Bescheid. Man sagt head arrangements dazu.

ZEIT ONLINE: Sie machen seit etlichen Jahren Jazz. Viele kennen Sie aber nur als Schlager-Interpreten, als den Mann am Klavier.

Kuhn: Seit ich Musik mache, habe ich ein Auge auf Jazz gehabt. Aber man hat sich damals nicht getraut. Also übte ich zunächst Klassik. Jazz war immer nur nebenbei. Nach dem Krieg spielte ich dann Jazz und populäre Musik für amerikanische Soldaten in den Clubs. Irgendwann kam ein Produzent auf mich zu: "Willst Du nicht mal Platten machen?" Also schaute ich seine Noten durch. Es waren deutschsprachige Schlager. Das normale Geschäft ging da gerade wieder los. Der Mann am Klavier ist ja nichts Schlimmes. Ein Schlager halt, ein Stimmungslied. Aber ich hatte bis dahin Lieder von Irving Berlin, Cole Porter, George Gershwin gesungen. Ich wollte das nicht spielen. "Dann kriegst Du keinen Vertrag", sagte er, "ganz einfach".

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie es dennoch getan?

Kuhn: Mit Jazz konnte man damals kein Geld verdienen. Also habe ich das Lied gesungen, aber mit gelangweilter Stimmte. Viele sagen, dass das Stück 1953 nur deshalb so erfolgreich war, weil man meine Haltung durchhören konnte: "Ooch, ja, sing ich's halt." Ich war dann richtig drin im Schlager-Geschäft, habe auch arrangiert für andere Leute.

ZEIT ONLINE: Später wurden Sie Leiter der SFB-Bigband, hatten eigene Sendungen, spielten in Maske und Kostüm bis zu zehn Rollen in einem einzigen Sketch. Standen Sie gern vor der Kamera?

Kuhn: Ja. Macht Spaß.

"Die verqualmten Studios waren super!"

ZEIT ONLINE: Es gab eine Sendung, da wurde zunächst im großen Sendesaal mit Sängern, Orchester und Publikum aufgezeichnet – tags darauf sahen Sie sich gemeinsam vor laufender Kamera die Auftritte noch mal an.

Kuhn: Das war Paul’s Party, eine dieser schönen Ideen von Dieter Finnern, dem kürzlich verstorbenen Unterhaltungschef des Senders Freies Berlin. Immer montags nach der Aufführung saßen wir gemeinsam vor Fernsehapparaten im Studio. Es gab zu trinken. Wir schauten, was wir beim Singen wieder für Gesichter gemacht hatten, lachten uns kaputt und wurden dabei aufgezeichnet.

ZEIT ONLINE: Sie hielten lässig eine Zigarette zwischen den Fingern.

Kuhn: Damals waren die Studios richtig verqualmt. Das war schon super!

ZEIT ONLINE: Hatten Sie wirklich Alkohol in den Gläsern?

Kuhn: Hier und da schon, ja klar.

ZEIT ONLINE: Auch bei Paul’s Party drehte sich alles um deutsche Schlager. Hat es Sie nicht gejuckt, den Leuten einfach mal ein bisschen Jazz unterzujubeln?

Kuhn: Da hätte ich ganz schön eine auf den Hut gekriegt! Der Chef sagte: "Hör' auf mit so Zeug, spiel' vernünftige Sachen." Wenn überhaupt, dann musste es ein Stück sein wie Bei mir bist Du schön. Ich habe natürlich trotzdem immer versucht, Jazz-Einflüsse unterzubringen, hier und da auch mal eine Einleitung, die richtig losgeht. Das ging ganz gut.

ZEIT ONLINE: Haben Sie gelitten?

Kuhn: Überhaupt nicht. Wir waren ein schönes Team, ich habe mich wohlgefühlt. Die meisten der Musiker waren ja selbst Jazzer, die Tanzorchester damals ihre Heimat. Jazz-Musiker sind sehr variabel. Wenn man ihnen sagt, sie sollen die Klarinette spielen wie in Oberbayern, dann spielen sie die Klarinette wie in Oberbayern. Nach den Aufzeichnungen haben wir unserer Spielfreude aber oft freien Lauf gelassen.

ZEIT ONLINE: 1980 wurde die SFB-Bigband aufgelöst. Ein schwerer Schlag?

Kuhn: Das tat weh. Wir hatten 12 Jahre gut gearbeitet – und dann erfährt man aus der Zeitung, dass es vorbei ist. Und ich wusste ja nicht, wohin. Zum Glück kam bald die Tour mit Peter Alexander, ein wunderbarer, hochmusikalischer Mensch. Wir wurden dicke Freunde. Danach ging ich nach Köln, spielte mit meiner eigenen Band auf Pressebällen. Und seit zwölf Jahren mache ich nur noch Jazz.

ZEIT ONLINE: Also war der Abschied von Berlin eigentlich ein Glücksfall?

Kuhn: Auf jeden Fall. Ich musste lange darauf warten, aber jetzt ist es so weit. Ich spiele Jazz.