ZEIT ONLINE: Ich führe jetzt ein Interview mit Ihnen für eine Zeitung, die heißt auf Französisch Le temps.

Carla Bruni: (singt) Le temps, le temps, le temps et rien d'autre, das ist ein Lied von Charles Aznavour. Die Zeit ist unser Chef.

ZEIT ONLINE: Ist es schwer, wieder zu arbeiten nach dieser langen Pause?

Bruni: Es ist sehr angenehm. Aber es war keine richtige Pause. Es ist aber toll, aus einer öffentlichen Situation, die absolut faszinierend, aber sehr politisch war, wieder zu Dingen zurückzukehren, die mir mehr am Herzen liegen.

ZEIT ONLINE: Jetzt stehen Sie wieder im Mittelpunkt.

Bruni: Ich brauche nicht immer im Mittelpunkt zu stehen, ich bin seit zwanzig Jahren in der Öffentlichkeit in verschiedenen Rollen. Das regt mich nicht mehr sehr auf. Was mich interessiert, ist wieder zu singen, meine Musik zu machen, kleine Konzerte zu geben.

ZEIT ONLINE: Und die Vielzahl der Rollen, Star und italienische Mama und Politikergattin, wie fühlt sich das an?

Bruni: Ich finde das Leben der Frauen heute sehr schwierig. Es ist doch so, dass das Gefühlsleben einer Familie von den Frauen getragen wird. Und wenn man einen Beruf hat, ist man zerrissen. Kennen Sie Françoise Giroud, die große Journalistin, die L'Express gegründet hat? Sie hat gesagt: Ein Mann hat immer eine Frau, die sich um ihn kümmert, eine Frau hat niemanden. Alle Frauen, die arbeiten, sind in meiner Situation.

ZEIT ONLINE: Selbst für Sie ist das nicht zu lösen?

Bruni: Nur wenn man dem Tag doppelt so viele Stunden gibt. Kann die ZEIT da nicht etwas unternehmen?

ZEIT ONLINE: Sind Sie jetzt erleichtert, die Première dame los zu sein? War das nicht belastend?

Bruni: Nein, das war nicht schwer. Aber es ist etwas, das einfach größer ist als man selber. Ich habe versucht, es so gut zu machen, wie ich konnte. Aber es ist ein symbolisches Amt. Man muss mit diesem Symbol leben, diesen Platz einnehmen, der so weit von einem selber entfernt ist.

ZEIT ONLINE: Sind Sie von den Medien nicht in eine bestimmte Rolle gedrängt worden, die Ihnen vielleicht gar nicht entsprochen hat?

Bruni: Ich glaube nicht. Ich glaube, es ist viel einfacher. Es gibt diese mediale Seite der Politik, im Showbusiness wie im Journalismus. Unsere Welt lebt mit Bildern, Bilder sind überall, alle zeigen sich ständig im Bild, Andy Warhol hat einmal gesagt, in der Zukunft wird jeder für eine Viertelstunde berühmt sein. Ich glaube, wir leben jetzt in dieser Epoche.

ZEIT ONLINE: Das Bild, das Sie in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren hatten, war sehr traditionell.

Bruni: Man darf sich aber nicht von diesem Bild einsperren lassen. Ich glaube, man muss aufhören, Kontrolle über sein Bild haben zu wollen. Dann bleibt man man selbst. Und am Ende kommt doch das richtige Bild von einem heraus. Das braucht viel Zeit.

ZEIT ONLINE: Sie sind sehr vertrauensvoll.

Bruni: Ja, ich habe Vertrauen. Das muss man haben, wenn man mit seinem Bild arbeitet. Ich glaube, wenn man kein Vertrauen mehr hat, macht man gar nichts mehr. Wenn man Vertrauen hat, kann man sich irren. Aber es ist nicht so schlimm, wenn man sich irrt.

ZEIT ONLINE: Man hat Sie vor Ihrer Heirat mit dem französischen Präsidenten gern in die mediale Ecke "reiche, unabhängige Wilde, rasante Liebhaberin" gestellt. Später wurden Sie zur "Stilikone", "zur schönsten Frau an seiner Seite".

Bruni: Ja, aber das hatte nicht viel mit mir zu tun, das ist eine ganz traditionelle Rolle, die nur etwas mit der meines Mannes zu tun hatte. Man ist die weibliche Begleitung, das ist doch normal. Die Tatsache, dass man schon, seit man 19 Jahre alt ist, arbeitet, sein eigenes Leben hat, ist in diesen Jahren in den Hintergrund gerückt.