Lexikalische Definitionen können ganz schön entwaffnend sein. "Musik" etwa wird bei Wikipedia als "organisierte Form von Schallereignissen" bezeichnet. Treffender könnte man die Entwicklung dessen, was mal irgendwie hoffnungsfroh Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß, nicht beschreiben. 

Viel Organisation, viel Schall, viel Ereignis, kaum Musik – so geht es gemeinhin zu beim wichtigsten Musikwettstreit der Welt, seit ihn niemand mehr französisch ausspricht.   

Die Messlatte lag folglich so tief wie im Klubschiff, als der Eurovision Song Contest am Samstag Station beim Vorjahressieger in Malmö machte. Doch plötzlich begann manch Teilnehmer wieder zu singen, nicht immer schön, aber von Herzen. Plötzlich zeigten die Frauen mehr Textilien als epilierte Haut. Plötzlich wurde Landessprache gesungen statt bloß Wörterbuch-Englisch.   

Die sorgsam gepflegten Vorurteile vieler ESC-Veteranen mussten also bis zum achten Beitrag ausharren, um wieder Nahrung zu bekommen. Dann aber gab es ein üppiges Mahl für die 11.000 Fähnchenschwenker im Saal und die etwa 100 Millionen Zuschauer daheim: Der weißrussische Ruslana-Klon Aljona Lanskaja wackelte im bauchnabelkurzen Fransenkleid zum Ballermannethnopop Solayoh auf der lichtblitzdurchzuckten Bühne. Endlich! 

Bis zu diesem Beitrag und auch danach sahen wir nämlich nicht unser aller hassgeliebten Fernsehabendfüller, der schon zum 58. Mal das mittlere Maiwochenende ruiniert, sondern fast, nun ja: einen Sängerstreit. Wie einst in öffentlich-rechtlichen Monopolzeiten sangen Ungarn Ungarisch, Italiener Italienisch oder Isländer Isländisch. Viele Kleider waren Roben und sogar Herren wie die griechische Skaband Koza Mostra trugen Rock.   

Zwischen seltenen Ausflügen in den osteuropäisch geprägten Pathospop von Estland über Moldawien bis Georgien hinunter zum letztlich zweitplatzierten Aserbaidschan dominierten instrumentenkundige Liedermacher wie die 37-jährige Anouk für die Niederlande oder der modisch stilsichere Anzugträger Marco Mengoni mit seiner gediegenen Ballade L'Essenziale. 

Man bekam an diesem Samstag Richtung Mitternacht tatsächlich Schallereignisse mit Niveau zu hören. Keine brillanten, es ist immerhin noch der Eurovision Song Contest, dessen Abkürzung nicht grundlos an die einer Viehseuche erinnert. Aber das Proletenhafte vergangener Jahre, die Freakshows und LED-Gewitter, alles Überdrehte, Übersteuerte, Überflüssige – in der vergleichsweise schlicht illuminierten Mehrzweckhalle Malmös wurde es auf ein Maß zurückgestutzt, das nicht wie sonst für epileptische Anfälle sorgte. 

Dafür sorgte auch die Regie vor Ort. Sie schickte zwar eine leicht kindische Raupe von Aserbaidschan aus durch Europa, die sich am Ziel zu animierten Schmetterlingen in den Landesfarben der Teilnehmer entpuppte. Ansonsten herrschte – verglichen mit dem Overkill von Baku 2012 – fast Understatement.


Cascada hielt das Niveau niedrig

Es war also fast zu dezent, um wahr zu sein, was die Komödiantin Petra Mede – eine Allegorie auf die Vorjahresmoderatorin Anke Engelke – in Gewändern von Jean Paul Gaultier präsentierte. Und hätte die deutsche Natalie Horler in der Mitte des Feldes nicht fleischfarben bekleidet ihre dusselige Dance-Kanonade Glorious ins Hirn jedes Klangästheten gefeuert, so mancher hätte verwirrt umgeschaltet.       

Horler war es dann auch, die an diesem Abend das Niveau niedrig hielt. "Hallo Haambuuurg, hallo Baaarbaraaaaa. Uuhuuuhh", grölte sie schon vorab per Live-Schaltung über die verregnete Hamburger Reeperbahn, wo Frau Schöneberger die zentrale ESC-Party schmiss. Und wenn eine wie Cascada nicht weiß, was sie sagen soll, sagt sie eben, dass sie nicht weiß, was sie sagen soll, indem sie es schreit. In gewisser Weise ein Spiegelbild ihres, ähem – Liedes. 

Die sehr blonde, sehr wilde Natalie wurde am Ende mit lächerlichen 18 Punkten so vernichtend abgestraft, dass sie sogar noch von der für Großbritannien reanimierten Rockröhre Bonnie Tyler geschlagen wurde. Da konnte der verblüffend übersetzungsfaule, aber gewohnt bissige ARD-Kommentator Peter Urban noch so oft betonen, wie dufte ihr Auftritt doch gewesen sei.    

Seltener Exzentriker: der rumänische Countertenor-Dracula

War er nicht. Obwohl Horler die Töne besser hielt als viele Mitbewerber. Der bemitleidenswerte Litauer Andrius Pojavis zum Beispiel. Mit der Bandbreite einer jungsteinzeitlichen Tonflöte kündete er im U2-artigen Something davon, dass seine Schuhe "Liebe und Schmerz" heißen, was ihn neben dem rumänischen Countertenor Cezar im Dracula-Kostüm fast zum einzig echten Exzentriker machte.   

Auf jeden Fall hörte man in diesem Jahr deutlich mehr Pop, der sich nicht in Effekten erschöpfte. Etwa das Siegerlied Only Teardrops der barfüßigen dänischen Ethnopopelfe Emmelie de Forest. Es klang zwar verteufelt nach Shakira, aber immerhin nicht nach einem PC-Produkt wie der drittplatzierte Musical-Kitsch aus der Ukraine. De Forest steht damit an der Spitze akzeptabler Top-Ten-Songs von reduziertem Gitarrenfolk aus Ungarn bis zu norwegischem Electro.  

Das ist und bleibt belanglos, aber weit weniger schmerzhaft als frühere Shows. Am Ende war dann doch das Wort zum Sonntag live von der Reeperbahn am unterhaltsamsten: "12 Punkte für den heiligen Geist", forderte der Geistliche aus Herford ein. Besser für den als für Cascada.