Es war also fast zu dezent, um wahr zu sein, was die Komödiantin Petra Mede – eine Allegorie auf die Vorjahresmoderatorin Anke Engelke – in Gewändern von Jean Paul Gaultier präsentierte. Und hätte die deutsche Natalie Horler in der Mitte des Feldes nicht fleischfarben bekleidet ihre dusselige Dance-Kanonade Glorious ins Hirn jedes Klangästheten gefeuert, so mancher hätte verwirrt umgeschaltet.       

Horler war es dann auch, die an diesem Abend das Niveau niedrig hielt. "Hallo Haambuuurg, hallo Baaarbaraaaaa. Uuhuuuhh", grölte sie schon vorab per Live-Schaltung über die verregnete Hamburger Reeperbahn, wo Frau Schöneberger die zentrale ESC-Party schmiss. Und wenn eine wie Cascada nicht weiß, was sie sagen soll, sagt sie eben, dass sie nicht weiß, was sie sagen soll, indem sie es schreit. In gewisser Weise ein Spiegelbild ihres, ähem – Liedes. 

Die sehr blonde, sehr wilde Natalie wurde am Ende mit lächerlichen 18 Punkten so vernichtend abgestraft, dass sie sogar noch von der für Großbritannien reanimierten Rockröhre Bonnie Tyler geschlagen wurde. Da konnte der verblüffend übersetzungsfaule, aber gewohnt bissige ARD-Kommentator Peter Urban noch so oft betonen, wie dufte ihr Auftritt doch gewesen sei.    

Seltener Exzentriker: der rumänische Countertenor-Dracula

War er nicht. Obwohl Horler die Töne besser hielt als viele Mitbewerber. Der bemitleidenswerte Litauer Andrius Pojavis zum Beispiel. Mit der Bandbreite einer jungsteinzeitlichen Tonflöte kündete er im U2-artigen Something davon, dass seine Schuhe "Liebe und Schmerz" heißen, was ihn neben dem rumänischen Countertenor Cezar im Dracula-Kostüm fast zum einzig echten Exzentriker machte.   

Auf jeden Fall hörte man in diesem Jahr deutlich mehr Pop, der sich nicht in Effekten erschöpfte. Etwa das Siegerlied Only Teardrops der barfüßigen dänischen Ethnopopelfe Emmelie de Forest. Es klang zwar verteufelt nach Shakira, aber immerhin nicht nach einem PC-Produkt wie der drittplatzierte Musical-Kitsch aus der Ukraine. De Forest steht damit an der Spitze akzeptabler Top-Ten-Songs von reduziertem Gitarrenfolk aus Ungarn bis zu norwegischem Electro.  

Das ist und bleibt belanglos, aber weit weniger schmerzhaft als frühere Shows. Am Ende war dann doch das Wort zum Sonntag live von der Reeperbahn am unterhaltsamsten: "12 Punkte für den heiligen Geist", forderte der Geistliche aus Herford ein. Besser für den als für Cascada.