Das passiert also, wenn man einen LSD-Trip schluckt, womöglich mit dem Gesicht von Jesus Christus drauf. Wenn man dann nach oben schaut, ins Technicolor-Gegenlicht-Blau des Himmels über Venice Beach, Kalifornien. Wenn dann, sanft, gewaltig und in Zeitlupe, die Pforten der Wahrnehmung aufklappen und dahinter der alte Johann Sebastian Bach persönlich aus den Wolken grüßt, im Paisleyhemd. Und man dann in die Orgeltasten greift. Die sich plötzlich ganz von allein spielen.

Die Einleitung zu Light My Fire von den Doors, gespielt von ihrem Keyboarder und Songwriter Ray Manzarek, gehört zu den unglaublichsten Liedanfängen der gesamten sechziger Jahre. Jubelnder Barock, grelles, fließendes Licht durch die Glasfenster einer sehr eigenartigen Kirche. Schrille und Mäßigung. Töne, Modulationen, Geburtsschrei und Beerdigungsliturgie. Wir sprechen, wohlgemerkt, von den ersten neun Sekunden. Von dem, was die Orgel spielt, bevor Jim Morrison zu singen beginnt. Light My Fire, ein Stück, das relativ blümchenlos vom Bedarf nach körperlicher Liebe erzählt, beginnt wie eine Hymne auf das entgrenzte Dasein.

Ray Manzarek, der Mann, der diese heilige Orgelei erfunden hat, ist am Montag im Alter von 74 Jahren an Krebs gestorben. Und trotzdem wäre nichts alberner, als sich jetzt dem Anlass hinzugeben und so zu tun, als wäre er eigentlich der wichtigste Mann der Doors gewesen. Natürlich denken bei den Doors alle an Jim Morrison, den Frontmann und Lederpoeten, den man so oft auf selbst gemachten T-Shirts und Graffitis an Amsterdamer Coffee-Shops gesehen hat, dass man ihn eigentlich nicht mehr sehen kann. Und natürlich war auch der ernsthaft erinnerungswürdige Teil von Ray Manzareks Karriere vorbei, als Morrison 1971 in Paris starb. Der extrovertierte Lockengott, der den gebeugten Brillenträger hinter dem Fender-Rhodes-Piano immer ausstechen wird, wenn eine Symbolfigur gesucht wird.

Heute, im Jahr 2013, wäre Ray Manzarek vielleicht der angesagtere Typ. Zumindest bei allen über 19 Jahre. Die Kleinen würden für Morrison schwärmen, die Großen für ihn: leicht intellektuelle Erscheinung, Hipster-Aura. Gepflegt, aber nachweislich crazy. Und die Musik?

Orgel, Generalbass, Schifferklavier, Donnerpiano und magisches Beschwörungsmanual

Manzarek hat nicht nur Light My Fire gespielt, sondern auch das wahnsinnig schaurige Regenperlen auf Riders On The Storm, das existenzialistische Zirkus-Cembalo auf People Are Strange, den Brecht-Beat beim Alabama Song, das stille, tiefe Lodern der L.A. Woman. Als eine der ganz wenigen großen Bands der Geschichte hatten die Doors keinen Bassgitarristen, auch diese Läufe erledigte Manzarek noch nebenher, mit der anderen Hand. Genau: wie Bach in der Thomaskirche.

Ohne Manzareks Orgel, Generalbass, Schifferklavier, Donnerpiano und magisches Beschwörungsmanual wären die Doors niemals nur andeutungsweise zu dem geworden, was sie waren. Sie hätten nie dieses Geheimnis, dieses Transzendente gehabt. Man muss sich Jim Morrison nur mal einen Moment lang als Sänger einer grasfleckigen Bluesrockband vorstellen. Das reicht schon.

Wenn Morrison der Eidechsenkönig war, dann war Ray Manzarek der Katzenfürst. Der Kapellmeister mit dem sechsten oder siebten Sinn.