Berlin, nun freue dich! Die gesegnete Problemstadt durfte jüngst erleben, wovon David Crosby träumt: Einmal noch Crosby, Stills, Nash & Young! Dies war den Berlinern im Juni beschieden, wenngleich verteilt auf zwei Konzerte. Zunächst bewetterte Neil Youngs Gitarrendonner die Waldbühne, jetzt erleuchteten seine Weggefährten die Max-Schmeling-Halle mit Sangesharmonie. Höchst unterschiedlich war die Musik, doch von gleichem Rang – wie die vier Protagonisten.

Einst galten Crosby, Stills, Nash & Young als amerikanische Beatles. Dieser Vergleich hat sich längst erledigt. Mittlerweile betreiben sie Alterskunst. David Crosby und Graham Nash sind 71. Bei ihrem Berliner Duo-Auftritt vor anderthalb Jahren erzählte Nash, dass sie zur Stimmerwärmung Beatles-Lieder sängen. Es folgte Blackbird, a cappella, zum Jubel des Saals. Die bejahrten Stimmen hielten – so auch 2013, zweieinhalb Stunden lang, von Carry On bis zu Stephen Stills Suite: Judy Blue Eyes. Stills, auch schon 68, scheint seinen Dämonen entkommen. Gitarre spielt er delikat wie eh und je. Statt Blackbird erklang Bluebird, aus Stills' Jugendtagen mit Buffalo Springfield und seinem Dauerrivalen Neil Young.

Der Reporter zählt zu den paar Dutzend Glücklichen, deren CSN-Erlebnis 2013 bereits am Tag vor dem Konzert begann. Im Apple-Store am Kurfürstendamm präsentierten die immergrünen Grauköpfe eine neue App. Vor allem anekdotisierten sie ihr Leben, beginnend mit der Menschheitsfrage, wo Crosby, Stills & Nash erstmals gemeinsam gesungen hätten – im Haus von Joni Mitchell oder bei Mama Cass Elliot. Ja, und dann der Mauerfall. Das Trio gastierte gerade in New York. Stills überzeugte die kalifornischen Gefährten, unverzüglich nach Berlin zu fliegen; man sei an der Atlantikküste doch schon fast da. Also erschienen CSN am Brandenburger Tor, und Mauerspecht Crosby pickte Erinnerungsgestein aus dem entmachteten Raumteiler. 1989 lehre: Nicht militärische Gewalt – Musik überwinde Mauern, schon seit den Posaunen von Jericho.

Ihre aktuellen Helden sind Snowden und Manning

Politische Konfessionen gehören zur Geschichte von Crosby, Stills, Nash (& Young), seit sie 1970 mit Ohio der vier erschossenen Kent-State-University-Studenten gedachten: Tin soldiers and Nixon coming / We're finally on our own / This summer I hear the drumming / Four dead in Ohio. 2006 tourten sie durch Bush-Land, gegen den Krieg im Irak. Der Tour-Film Déjà vu zeigt eine Band, die unverändert Liebe und Hass der US-amerikanischen Politlager auf sich zieht. Auch für Occupy Wall Street konzertierten CSN, gegen die Atomindustrie, die geheimdienstlichen Datenkraken …  Ihre aktuellen Helden heißen Bradley Manning und Edward Snowden. "We need more whistleblowers!", rief  Nash, und Stills erklärte, er habe seine Laptop-Kamera zugeklebt. Alles werde ausgespäht, bloß nicht seine Männerhöhle.

Man mag das naiv, wohlfeil, eklektizistisch nennen? Oder aufrecht und integer. Diese moralistischen Rock-Veteranen haben nicht die Welt geändert, aber ihre Hörer, mit Musik, dem Gral des Wahren, Guten, Schönen. Sie predigen Globalgewissen, gegen corporate America, dabei wohldosiert, gemäß Hanns Eislers Satz: "Politisierung in der Kunst führt zur Barbarei in der Ästhetik." "Ich weiß nicht, warum man uns politisch nennt", kokettierte David Crosby im Konzert. "Wir singen doch bloß Liebeslieder."

Dann sang er What Are Their Names?, eine Fahndung nach Amerikas heimlichen Regenten, denn für den Preis eines guten deutschen Autos könne man einen US-Kongressabgeordneten kaufen. Graham Nash teilte mit, im Widerstand gegen Chinas Unterdrückungspolitik hätten sich voriges Jahr 128 tibetanische Mönche verbrannt. Es folgte der neue Song Burnin' For The Buddha. Stephen Stills offenbarte frohgemut, die coolste ihm bekannte Polit-Aktion sei Mathias Rusts Cessna-Landung auf dem Roten Platz. "President Jelzin was too drunk to care." Dem Friedensflieger zu Ehren rockte Stills Treetop Flyer. Dies freilich konnte nicht ändern, dass Rust bereits 1987 gen Moskau propellert war, zur Herrschaftszeit des Antialkoholikers Michail Gorbatschow.