Auf dieser Seite des Atlantiks ist die DJ- und Klubkultur über zwei Jahrzehnte hinweg langsam gewachsen.  Jüngere Bücher wie Der Klang der Familie über "Berlin, Techno und die Wende" beschreiben noch einmal, welche Grabenkämpfe einst ausgefochten wurden, wie man Techno damals als antikommerzielle Revolution feierte und in den Charts erfolgreicher Trance als Schlumpf- oder Deppentechno diffamierte. In den USA weiß kein Mensch von diesen Szene-Streitereien, dort wird nun keine Geschichte fortgeschrieben und keine Tradition sensibel fortgeführt, sondern man tut so, als sei elektronische Tanzmusik ein völlig neuartiges Ding, das nie etwas anderes wollte, als kommerziell möglichst erfolgreich zu sein. Während sich in Europa mit den Jahren ein Bewusstsein für feine Differenzierungen innerhalb der elektronischen Musik entwickelte und der eine lieber zu House und der andere lieber zu Techno tanzte, geht in Amerika alles auf im Begriff EDM, der für Electronic Dance Music steht. Ob die Trance-Suppe von Tiesto oder die Bassmusik von Skrillex, alles ist EDM. Und letztlich hauptsächlich das, was in der puristischen Klubkultur Berlins verpönt ist: reines Spektakel. Der in den USA lebende englische Musikjournalist Simon Reynolds, der schon vor Jahren das Techno-Standardwerk Energy Flash geschrieben hat, sagt: "Während damals Electronica wie eine Kultsache wirkte, ist EDM zugeschnitten auf die Massen."


Letztlich greift EDM aber doch eine Entwicklung auf, die es seit einiger Zeit auch in Europa gibt, wo der DJ ebenfalls längst nicht mehr bloß jemand ist, der es versteht, auf zwei Plattenspielern gute Übergänge zwischen zwei Tracks zu mischen. Auch Paul Kalkbrenner oder Modeselektor sind Spektakel-Acts, die sich auf der Bühne gerieren wie Rockstars und mithilfe von DJ-Software wie Traktor oder Ableton Live ihrer Performance den Anschein von Konzerten geben. Allerdings können sie mit der gigantischen Lichtshow eines Skrillex nicht mithalten. Auch die fast eine Million Dollar Gage für einen Festival-Auftritt bekommen sie nicht.

Techno wurde in Europa einst als Gegenbewegung zum etablierten Musikbusiness gefeiert, als Szene mit eigenen Strukturen. Bis heute lebt dieser Mythos des Subversiven in Klubs wie dem Berliner Tresor oder dem Berghain fort, auch wenn inzwischen Touristen aus aller Welt massig Geld in diese Läden tragen. In den USA war EDM seit seiner Explosion vor zwei, drei Jahren von Anfang an nicht außerhalb, sondern Teil der kommerziell orientierten Unterhaltungsindustrie. Die Loveparade in Berlin scheiterte daran, dass die Stadt nicht einmal die Reinigungskosten für die Veranstaltung übernehmen wollte. In Las Vegas wurde einfach nur nachgerechnet, dass der Electric Daisy Carnival 2012 mehr als 200 Millionen Dollar in die Stadt brachte und man deshalb eine derartige Veranstaltung auch dieses Jahr haben möchte. 

Cocoon pleite, Hakkusan erfolgreich

Schon gilt EDM als Wirtschaftssektor der Zukunft, der selbst das boomende Geschäft mit Live-Konzerten abhängen könnte. Auch schlichte Kosten-Nutzen-Erwägungen wie die, dass bei einem Klubevent mit DJ einfach mehr verköstigt wird als während eines Rockkonzerts, bei dem nach Beginn alle nur zwei Stunden lang mit dem Bier in der Hand auf die Bühne starren, spielen dabei eine Rolle. Neil Moffit, einer der Investoren des Hakkasan in Las Vegas glaubt, "EDM ist das, was Hip-Hop für die MTV-Generation war". Robert F. X. Sillerman, ein New Yorker Medientycoon, der mit Live Nation bereits weltweit das Geschäft der Konzertveranstalter aufgemischt hat, investiert gerade in den EDM-Sektor, indem er Klubs und Veranstalter von EDM-Festivals an sich bindet. Eine Milliarde Dollar soll ihn das bereits in diesem Bereich gekostet haben. Noch dazu hat er kürzlich Beatport, die weltgrößte Internet-Plattform für den Vertrieb von elektronischer Musik aufgekauft, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass er an das ganz große Geschäft mit EDM glaubt. 

Ende vergangenen Jahres musste der DJ Sven Väth mit seinem Cocoon-Club in Frankfurt Insolvenz anmelden. Sein in Deutschland einmaliger Versuch, Edelgastronomie und gehobene Klubkultur zu verbinden, scheiterte. Wenn man nun sieht, wie das Cocoon-Konzept auf noch viel höherem Niveau in den USA funktioniert, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis irgendjemand hierzulande nochmals etwas Ähnliches wagt wie der Frankfurter. Vielleicht sogar in Berlin, wo man so stolz ist auf seine unamerikanische Klubkultur. Die EDM-Kultur erobert nämlich bereits langsam Europa. Im Juli wird zum ersten Mal auch in London ein Electric Daisy Carnival stattfinden.