"Was'n das für'n Scheiß?" Tony Marshall muss es ja wissen. Der Deutschen dauergewelltester Schunkelclown fragt's und lacht, dazu erklingt psychedelisches Krautrockgeschrammel. "Das ist Schrott, was ihr da macht", klagt er etwas später in einem Stück namens Bandenuh, noch immer fröhlich. Vier Lieder danach hebt er hilflos zur ultimativen Erkundigung seines Metiers an: "Und das soll Unterhaltung sein?"

Gute Frage. Schließlich stellt er sie Wigald Boning und Roberto Di Gioia. Der eine ein Comedian, bekannt aus dem Fernsehen und als Teil des Quatschduos Die Doofen. Der andere ein Soundtüftler, unter anderem in Diensten von Till Brönner und The Notwist. Auf den alten Tony dagegen wirkten die beiden allerdings bloß wie zwei Irre ohne Kompetenz oder Businessplan, die ihn aus unerfindlichen Gründen gebeten haben, Schöne Maid neu einzuspielen, und das gleich 21 Mal. Als bürgerlicher Herbert Anton Bloeth genoss Marshall einst eine Ausbildung zum Opernsänger. "Mit was verdient ihr euer Geld?", motzt er nun als Schlagerstar über die multiple Verballhornung seines Evergreens, bis er schlichtweg konstatiert: "Ihr seid ja gar nicht qualifiziert."

Stimmt das? Boning und Di Gioia verantworten ein Musikprojekt, das – mit Marshalls Hilfe – die Nahtstelle zwischen Genie und Wahnsinn auf bisher beispiellose Weise auslotet. Hobby, so der Name, umfasst acht CDs im weißen Schuber, die fernab kommerzieller Interessen acht Klangwelten von Barock über Ragtime bis Schlager, von Wave über Bollywood bis Punk ihre Referenz erweisen.

Es beginnt mit Bachs Sonate für Flöte und Cembalo in h-moll, vorgetragen ohne Spirenzchen. Setzt sich fort im Salonblues Rockefeller Lullaby, als käme der repetitive Refrain direkt aus dem Röhrenradio. Macht mit Liebe im Atomreaktor einen Schlenker zum Aberwitz der Neuen Deutschen Welle. Lässt zu Good Old India die Sitar schwingen. Badet unterm Titel Charthits die Füße in Marmelade – sind wir hier doch bei den Doofen? Das Hobby-Projekt bittet also 141-mal filigrane, mal grenzdebile Stücke von vier Sekunden bis 15 Minuten Länge zur Debatte darüber, wie viel Ernst der Blödsinn verträgt und wie viel Unernst das Niveau. Oder anders: Können E und U eine gleichberechtigte Ehe eingehen? Die Antwort? Nun ja…

Denn seit die Comedian Harmonists den Schlager vorm Zweiten Weltkrieg im Ton gediegener Klassik humoristisch prägten, haben sich musikalische Exzellenz und habituelle Komik zusehends entkoppelt. Kam der heiter bis wolkige Wirtschaftswunderschlager noch im virtuosen Bigband-Sound daher, so wurde die Instrumentierung im feuchtfröhlichen Karnevalsspaß à la Tony Marshall endgültig zur Randbeschallung. Die Blödelbarden des Folgejahrzehnts flankierten ihren Nippel-Nonsens bloß mit klimpernder Wandergitarre, was die Dödelbands der NDW elektronisch aufgemotzt, nicht aber qualitativ aufgewertet haben. Und während die frühen Ärzte ihre drollige Punkpoesie genregemäß so roh begleitet haben wie die jungen Fanta 4 ihren wortlastigen Die-da-Hip-Hop, untermalte der Jazzvirtuose Helge Schneider seine dadaistische Katzenkloprosa bewusst mit Fahrstuhlmusik.

So manch massentauglicher Ulkpopstar mag abseits des Sprachwitzes also durchaus kunstfertig sein. Aber die klangliche Qualität muss sich der verbalen allzumeist unterordnen. Klamauk und Können haben sich auseinandergelebt wie zwei alte Eheleute, die jede einst geliebte Eigenart des anderen nur noch nachäffen. Wenn Wigald Boning also betont, um "lustig falsch Tuba zu spielen, muss man sie richtig gut beherrschen", räumt der meisterhafte Flötist damit nicht bloß ein, auch alle anderen Blasinstrumente wenigstens passabel zu beherrschen, sondern ebenso, diese fantastische Fähigkeit im Kontext seiner humoristischen Kernkompetenz gezielt zu unterschlagen; als wäre sie ihm irgendwie unangenehm, als passe lustig nicht recht zu gut.

Wie gut aber gut zu lustig passen kann, zeigte zuletzt die anarchointellektuelle Spaßbrigade Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger. Für eine Mockumentary gründete sie die fiktive Band Fraktus, deren Stil Anfang der Achtziger den Techno grundiert haben und nun wiedervereinigt werden soll. Ihre Poesie zwischen Jag den Fuchs und Affe. Sucht. Liebe ist dabei zwar vollends sinnfrei, dilettiert sich aber durch eine Art Retrowave, die dem Vergleich zum angeblichen Ursprung vor 30 Jahren locker standhält.

Dieses Bekenntnis zur Musikalität, das 2012 manches Programmkino füllte und sogar im ganz und gar realen Konzert funktioniert, war angesichts absurden Popkäses von Bonings Exduo Die Doofen bis hin zum missratenen Faschingsblödsinn des Jeans Teams also irgendwie neu. Mit Hobby findet es nun eine Fortsetzung.