Vielleicht muss man die Kirche auch mal im Dorf lassen und nicht päpstlicher werden als der Papst. Vielleicht sollte man anstelle dauernder Gebote ruhig öfters Nächstenliebe walten lassen und Barmherzigkeit. Vielleicht verdienen also gerade Gottes brotloseste Arbeiterkinder – Künstler genannt – bisweilen die Gnade, einfach ihre Kunst zu machen, statt im Kernschatten erhobener Zeigefinger andauernd zum radikalen Umsturz ihres Œuvres genötigt zu werden. Es wäre ein Gebot der Verhältnismäßigkeit. Und der Selbstreflexion.

Schließlich dürfen ja auch wir Kritiker wandlungsunwilliger Künstler These, Antithese und Synthese ein ganzes Schreiberleben hindurch mit Subjekt, Prädikat und Objekt zu vergleichbaren Sätzen formen, ohne ständig des kreativen Stillstands gezeiht zu werden. Und weil Veränderung kein Wert an sich ist, weil sie nicht selten gar als Gegnerin des Bewährten gilt, lässt man auch Handwerker, Ärzte, Bauern gern machen wie gewohnt und sähe das oft allzu gern auch von Architekten, deren Visionen noch in jeder Epoche zunächst als städtebauliches Teufelszeug galten, bevor ihre Kreationen später um Denkmalschutz betteln wie heute Neogotik, Gründerzeit und Art Nouveau.


Erneuerung ist also mitnichten ein Selbstzweck, weshalb den meisten Berufen die Bewahrung des Bestehenden zugebilligt wird. Nur Musiker, die sollen – bitteschön! – permanent ihr Werk erneuern, am besten rundum. Unfair ist das, verlogen und so fies, dass eine Band seit Jahren hauchzart dagegen revoltiert. Genauer: von Beginn an. Sie heißt 2raumwohnung und hat mit ihrem Debütalbum Kommt zusammen 2001, mehr aber noch dank des flugs nachgelegten In wirklich seinerzeit fast so etwas wie ein frisches Genre geschaffen. Man könnte es Easy Elektropop Listening nennen, die liedhafte House-Variante, eine Art loungiger Metropolenschlager für technoide Faulpelze.


Als der Citybeachclub noch heiß war

Am Ende des Jahrtausends hatte das durchaus Relevanz. So swingten 2raumwohnung zwei Sommer geschmeidig durch laue Sommerabende im Citybeachclub, der damals ja auch noch irgendwie innovativ war. Doch sie hörten einfach nicht auf zu schwingen, im gefühlten 18-Monats-Rhythmus erschien Platte auf Platte, eine hörte sich bis auf die letzte Note an wie die andere. Nun ist Nummer 7 auf dem Markt und klingt wie alle anderen zuvor. Exakt. Kein Unterschied. Da fragt man sich: Warum machen die das? Woher rührt dieser Mangel an musikalischem Ehrgeiz? Und weshalb bitte will eine wie Inga Humpe, die Anfang der Achtziger mit den Neonbabies ein Stück deutscher Musikhistorie vertonen half, unbedingt klingen wie Rosenstolz?

Die Antwort: Behaglichkeit ist eine süße Droge. Je süffiger ein Sound ist, desto größer erscheint die Wahrscheinlichkeit, ihn zu reproduzieren, bis auch der letzte Tropfen Schmalz herausgepresst wurde. Smooth Jazz, Soul House, Chill Out Pop, R 'n' B oder alles in einem Proseccokübel verquirlt, haben ja das Potenzial, ihr Publikum so lange zu sedieren, bis es jede Veränderung als Akt der Aggression empfindet.