Am 12. Oktober 2013, vier Tage bevor die neue Regierung Norwegens ernannt wurde, trat die künftige Ministerpräsidentin Erna Solberg im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Die Høyre-Chefin war zu Gast in der Talkshow Lindmo, wie auch Sigurd Wongraven, dem Sänger, Songschreiber und Frontmann der Black-Metal-Band Satyricon, der gerade auf Welttournee ist. Gefragt, was sie von norwegischem Black Metal halte, sagte Solberg, das sei zwar "nicht ihre persönliche erste Wahl". Sie sei aber "sehr beeindruckt" vom Erfolg der Musiker. "Wir können stolz auf das sein, was sie erreicht haben." 

In anderen Teilen der Welt gilt Black Metal als Werk des Teufels oder faschistische Marschmusik und wird sogar als Gotteslästerung vor Gericht verhandelt.

Solche Einschätzungen wurden bestärkt durch Persönlichkeiten wie Varg Vikernes, den Kopf der Black-Metal-Band Burzum. 1993 ermordete er Øystein Aarseth, den Gitarristen der Gruppe Mayhem und Protagonisten der Metal-Szene. Nun, 20 Jahre später, ist er wieder in den Schlagzeilen, weil er im Juni auf seinem Hof im französischen Salon-la-Tour wegen des Verdachts festgenommen wurde, einen Terrorakt zu planen. Die Anschuldigungen erwiesen sich als haltlos. Gerade steht er wegen rechtsextremistischen Äußerungen vor Gericht. Außerdem war bekannt geworden, dass er das Manifest von Anders Behring Breivik am Morgen vor dessen Massaker am 22. Juli 2011 per E-Mail erhalten hatte. Zur Anklage führte der Verdacht jedoch nie. Breivik hatte sein Manifest an rund 1.000 Empfänger verschickt, von denen die wenigsten ihn vorher kannten. In seinem Manifest 2083: A European Declaration of Independence schreibt er, dass er "Metal hasse". 

Mittlerweile ist Varg Vikernes eine einsame Figur, nach seiner Mordanklage und Inhaftierung hatte er nur noch wenig Kontakt zum Rest der Szene. Dennoch beginnen viele Diskussionen um die Gefährlichkeit von Black Metal und die mögliche Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut bei ihm. Durch seine Tat wurden Mayhem als Vertreter des norwegischen Black Metal auf der ganzen Welt bekannt und mit ihnen das gesamte Genre.

Kaum eine populärmusikalische Richtung erzeugt heute noch Aufregung und Furcht wie Black Metal. Dabei muss man bedenken, dass das "Recht zu beleidigen" in Skandinavien als Grundpfeiler der Gesellschaft gilt. Auch musikalischen Provokationen begegnet man hier mit Toleranz. Die meisten, die sich in der Öffentlichkeit über Kunst äußern, wissen, dass sich die Verneinung etablierter Wertesysteme wie eine bleibende schwarze Narbe durch die Kunstgeschichte zieht. Zumindest seit die Dadaisten sich im ersten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts zu Nihilisten, Anarchisten und Gegnern der bestehenden Gesellschaft erklärten. In einem zentralen Text des literarischen Kanons des 20. Jahrhunderts schrieb der deutsche Dadaist Hugo Ball: "Wir wollen aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Wir werden immer 'dagegen' sein." Balls Erklärung könnte in einem norwegischen Black-Metal-Fanzine aus den frühen Neunzigern ebenso auftauchen wie als Liner Notes auf einem Album von Fenriz oder Demonaz.


Black-Metal-Bands haben mittlerweile Hunderttausende von Tonträgern verkauft. Die musikalische Spannweite des Genres reicht von Burzums primitiven Einmann-Einspielungen über Darkthrones durch Punk beeinflussten Klang bis zu den riff-getriebenen Tonorgien von Immortal. Die einst berüchtigte Subkultur ist im heutigen Norwegen gut im Geschäft und eine kulturelle Einflussquelle weit über die Metal-Musik hinaus. Satyricon schafften es vor Kurzem auf Platz eins der lokalen Charts, gaben ein Konzert in der Oper in Oslo und der Wirtschaftszeitung DN ein vierseitiges Interview. Gylve Fenriz Nagell von Darkthrone führt im Fernsehen durch die Wälder rund um Oslo. Die Band 1349 entwirft Mode für die Marke Anti-Denim. Der God-Seed-Sänger Gaahl, wegen seiner Gewalttätigkeit gegenüber Journalisten vor einigen Jahren noch der "am meisten gefürchtete Musiker der Welt" genannt, ließ sich auf der Gay Gala in Bergen 2010 zum "Schwulen des Jahres" küren. Frühere und heutige Musiker von Gorgoroth, Solefad und Ulver veröffentlichen Gedichte und Romane.