Die Akzeptanz von Black Metal in der Allgemeinkultur ist eine besondere norwegische Variante des Mainstreamings  grenzüberschreitender Ausdrucksformen: Der Stolz, von dem Ministerpräsidentin Solberg spricht, spiegelt sich in vielen Artikeln in den norwegischen Medien. Handelt es sich hier um den Patriotismus einer kleinen Nation, die allem applaudiert, was im Ausland Erfolg hat? Es mag so aussehen. Aber die meisten haben eingesehen, dass es sich bei Black Metal vielmehr um eine Musikform handelt denn um einen ideologischen Kanal. Und dass sich der in vielen Liedern besungene Sturz der vorherrschenden Ordnung in die westliche Tradition apokalyptischer Vorstellungen einreiht. Wo wäre die Kirche heute ohne die Vorstellung vom Tag des jüngsten Gerichts?

Seit Black Sabbath bewegt sich der Hardrock zwischen der Groteske und dem Dionysischen und spielt mit griechischen und altnordischen Mythen sowie den Kerntexten des Christentums. Allerdings gingen wenige so weit, die Kräfte des Chaos so zu ihrem Leitstern zu erhöhen wie die norwegischen Metal-Musiker der neunziger Jahre. Viele von ihnen verspürten einen Drang, wie ihn Avantgarde-Künstler seit der Zeit von Hugo Ball gekannt haben: sich aus der Kunst herauszusprengen und Fantasie und Lebenspraxis miteinander zu vereinen. 


Das bisher grundlegendste Buch über den norwegischen Black Metal, Innfødte skrik (Urschrei) von Håvard Rem, liest sich bisweilen wie ein russischer Roman aus dem 19. Jahrhundert. Es versammelt einen Haufen überspannter junger Männer, die sich zu Beginn der neunziger Jahre in die Einführung des Protestantismus im heidnischen Norwegen hineinleben, in den Sturm und Drang, in die Nationalromantik und in den Zusammenbruch der westlichen Metaphysik. Die Leere nach dem Sinnverlust füllen sie mit übermütigem Philosophieren und verwirrten Herkunftsmythen, die in Form gutturalen Gesangs über wehmütigen Tönen, verdrehtem Gitarrensound und einem Sturm doppelter Basstrommeln vorgetragen werden.

Alles geht zurück auf Venom

Man kann einen Einblick davon gewinnen, wie weit Black Metal von der gängigen Popmusik entfernt ist, indem man sich die Titel einiger Veröffentlichungen anschaut, die das Genre zwischen 1991 und 1993 repräsentierten: Demos und Alben wie De Mysteriis Dom Sathanas von Mayhem, Wrath of the Tyrant von Emperor, Det som engang var von Burzum, Vikingligr Veldi von Enslaved, Diabolical Fullmoon Mysticism von Immortal und A Blaze in the Northern Sky von Darkthrone. Gemeinsam erweckten diese Alben eine Musikform, die seit dem Beginn der achtziger Jahre geschlummert hatte. Die Bands huldigten der britischen Band Venom, als wären die Songtexte buchstäblich gemeint. 

Der Begriff Black Metal ist eine Hommage an das gleichnamige Venom-Album von 1982. Die norwegischen Epigonen der frühen Neunziger werden deshalb als zweite Welle des Genres bezeichnet. Wie Per Yngve "Dead" Ohlin, Sänger der Gruppe Mayhem, in einem Brief schrieb, wenige Monate bevor er sich in der Gemeinschaftswohnung der Band 1991 das Leben nahm: "Alles stammt von unserem Allmächtigen Vater Venom, und niemand kann kommen und darauf bestehen, dass sie von etwas anderem beeinflusst worden wären (...) Schwächlinge sollen sterben und nur Venom ist wirklich."

Der Bewegung gehörten vor allem Jugendliche an, die in einer gut funktionierenden, aber auch schallgedämpften Sozialdemokratie aufwuchsen, mit einer Jugendkultur, die sich nach dem Fall der Mauer entideologisiert hatte. Black Metal wurde mit seinem Ernst, seiner neoromantischen visuellen Ästhetik und seiner literarischen Orientierung eine Alternative zur westlichen Jugendkultur, die in den Neunzigern ihren Namen von ihrer eigenen Schlaffheit bekam: slacker. Wo andere populärkulturelle Ausdrucksformen von sorgloser Ironie, spielerischer Naivität, medialem Metabewusstsein und kleinen Erzählungen geprägt waren, stöberten die norwegischen Metal-Musiker in den dunklen Verliesen und tabuisierten Mythen ihrer Kultur.

Überall in Norwegen saßen Jugendliche und schrieben Texte inspiriert von Nietzsche (Vegard Sverre Tveitan von Emperor), dem Pastorendichter Thomas Kingo (Kristoffer G. Rygg von Ulver) und der altnordischen Götterlehre (Grutle Kjellson und Ivar Bjørnson von Enslaved). Es war eine geschichtlich interessierte, leistungsorientierte Subkultur, durchtränkt von pubertärem Übermut, in der man sich abwechselnd dem Nihilismus und der Nostalgie hingab.