Es ist denkbar, dass in den Büros von Sony Music ein, zwei Champagnerflaschen geköpft wurden, als Earl Sweatshirts Doris Ende August auf Platz 5 in die amerikanischen Albumcharts eingestiegen ist. Es ist allerdings nicht denkbar, dass Sweatshirt selbst an den Feierlichkeiten teilgenommen hat. Der 19-jährige Rapper aus Los Angeles sieht sich seit gut zwei Jahren einem Hype ausgesetzt, dem er mit schüchterner Einsilbigkeit begegnet – wenn er sich überhaupt dazu durchringen kann, die Aufregung um seine Person anzuerkennen. Meistens fehlen Amerikas größtem Hip-Hop-Talent dafür die Worte.

Auch im Lager von Danny Brown wird bald eine Feier anstehen. Und wenn eins sicher ist, dann die pflanzlich-chemisch verstärkte Präsenz des Detroiter Rappers. Sein kommerzielles Debütalbum Old, das nach einer Reihe kostenlos veröffentlichter Mixtapes in dieser Woche erschienen ist, hat Earl Sweatshirts Doris bereits abgelöst als Hip-Hop-Gesprächsthema der Stunde. Brown erreicht damit den Höhepunkt eines Hypes, der ebenfalls seit mehr als zwei Jahren auf konstant großer Flamme befeuert wird. Anders aber als Sweatshirt ist der 32-Jährige selbst sein strengster Antreiber. Mit lückenloser Live- und Twitter-Präsenz ist er zum Teil des Lebens seiner Fans geworden. Regelmäßige Beiträge zu den Tracks anderer Rapper hielten ihn immer im Gespräch.

Beide Männer verbindet auf den ersten Blick also nicht viel. Sweatshirt ist als Teil des Skandalnudelsalats Odd Future Gang klar positioniert. Er verkörpert die stille Wortgewalt der Gruppe, hat mit seinen sprach- und anfangs auch gewaltverliebten Raps schon die Aufmerksamkeit des New Yorker erregt. Brown hingegen ist ein Paradiesvogel am Rand der Rap-Gesellschaft. Anderthalb fehlende Schneidezähne und ein asymmetrischer Undercut geben ihm eines der unmännlichsten Gesichter im US-Hip-Hop. Sweatshirt textet mit kontrolliertem Brummen über die Plagen von Erwartungshaltung und auslaufender Teenager-Zeit, aus Brown platzen die Worte regelrecht heraus. Seine Stimme ist Helium, sein Stil hyperaktiv. Seine Songs sind Sex- und Ecstasy-Beichten aus dem Herzen der Party. Weniger experimentierfreudige Zeitgenossen könnten auch sagen: aus der Drogenhölle.


Wer die neuen Alben der Rapper hört, stößt trotzdem auf Gemeinsamkeiten, mit denen sie eine Gegenbewegung zu den derzeitigen Wortführern des Genres einläuten. Während sich Kanye West zunehmend Hip-Hop-fern am eigenen Größenwahn abarbeitet und Jay-Z selbst nicht mehr zu wissen scheint, ob er Mensch oder Firma ist, machen Brown und Sweatshirt ihre Schwächen, Ängste und Verfehlungen zum Thema. Beide kalkulieren die Möglichkeit des Scheiterns im Angesicht des fast erreichten Durchbruchs zumindest ein. So verletzlich und lebensnah wie bei ihnen war Hip-Hop aus den höchsten Charts-Regionen deshalb schon lange nicht mehr.


Es passt in dieses Bild, dass vor wenigen Tagen auch ein neues Album von Drake erschienen ist. Der Kanadier gilt als derzeit drittgrößte Rapkraft nach West und Jay-Z, aber auch als offizielles Genre-Weichei. Anders als Danny Brown, ein ehemaliger Drogendealer, und Earl Sweatshirt, dem sein Drogenkonsum und schlechtes Benehmen noch bis Anfang 2012 einen Aufenthalt in einer samoanischen Besserungsanstalt bescherten, blickt Drake auf eine Vergangenheit als Seifenopernstar zurück. Sein Waschlappen-Image verhärtete sich in den letzten Jahren umso mehr, je energischer der 26-Jährige dagegen vorging.

Drakes drittes Album Nothing Was The Same zeigt nun einen Rapper, der mit der Geduld am Ende ist. Eine bisher ungekannte Boshaftigkeit zieht sich durch die einstündige Platte: Drake nennt verflossene Bekanntschaften bei Name und Aufenthaltsort, rechnet mit anderen Rappern ab und seinen Kontostand vor, nimmt sich in einem besonders eisigen Track sogar die eigene Mutter zur Brust. Dass dieses Aufbegehren eine Verunsicherung überspielt, die Brown und Sweatshirt ganz offen zeigen, ist eine naheliegende Annahme. Auch nach drei Platin-Alben hadert Drake noch mit seiner Rolle als Rapper und dem unsteten Lebenswandel des Popstars.