ZEIT ONLINE: Bereits ein Jahr, nachdem im Mai 2012 eine Fatwa gegen Sie ausgesprochen wurde, standen Sie in Amsterdam, Paris, Köln und Berlin wieder auf der Bühne. Jetzt startet ihre Tournee durch die USA, Ihr neues Album erscheint. Haben Sie keine Angst?

Shahin Najafi: Vor meinen ersten Konzerten nach der Fatwa befürchtete ich, dass alle anderen Angst haben und nicht zum Konzert kommen würden. Aber meine Fans kamen und haben mich darin bestärkt, dass ich weitermachen muss. Für mich und meine Fans ist die Geschichte mit der Fatwa beendet.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, das Todesurteil gegen Sie existiert nicht mehr?

Najafi: Wenn die iranische Regierung ein Todesurteil ausspricht, kann sie es nicht einfach zurücknehmen. Ich muss deshalb immer Security an meiner Seite haben. Aber die Sicherheitsvorkehrungen dürfen nicht meine Arbeit blockieren.

ZEIT ONLINE: Stehen Sie noch unter Polizeischutz?

Najafi: Nein. Ich lebe jetzt anonym in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie Mails mit Todesdrohungen?

Najafi: Ab und zu mal. Sehr selten. Sie sind nicht wichtig.

ZEIT ONLINE: Sie gelten als die Stimme der jungen iranischen Bevölkerung. Haben Sie Kontakt zu Ihren Fans im Iran?

Najafi: Ja, klar und das finde ich sehr spannend. Die Jugend sehnt einen Wandel herbei, aber manchmal ist das, was ich singe, zu viel für die iranische Mentalität. Ich bin sehr direkt und sage Dinge, die sie schockieren. Die erste Reaktion, die ich bekomme, ist daher manchmal Aggression: "Was singst du da?" Die Jungen sind aber auch sensibel geworden und gehen mit vielen Dingen offener um. Dann sagen sie nach einiger Zeit: "Ich hab mir das Lied ein paar Mal angehört, ich habe es jetzt verstanden."

ZEIT ONLINE: Mit welchen Problemen haben die Jungen im Iran derzeit am meisten zu kämpfen?

Najafi: Die größten Probleme betreffen die Gerechtigkeit und die Freiheit. Aufgrund ihrer religiösen Prinzipien lässt die iranische Regierung es nicht zu, dass du machst, was du möchtest. Es gibt Vorschriften und Gesetze für deine Kleidung, es gibt Gesetze für dein Essen und dein Trinken. Es gibt Gesetze für deine Beziehungen und Kontakte. In westlichen Ländern ist das schwer zu verstehen. Darüber hinaus drehen sich die Diskussionen auch um die wirtschaftliche Situation des Landes. Sie ist sehr schlecht.


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Wie könnten diese Probleme gelöst werden?

Najafi: Wir brauchen – wie einst der Westen – Zeit, um unsere Kultur und Mentalität zu ändern. Wenn sich die Regierung eines Landes ändert, muss das nicht automatisch bedeuten, dass die Menschen frei sind. Eines der wichtigsten Themen dabei ist die Religion. Die Menschen müssen, was die Religion angeht, tolerant werden. Die entscheidende Frage ist: Kann jemand wie ich, der nicht an Religion glaubt, frei im Iran leben?

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, Religion ist etwas Schlechtes?

Najafi: Ich glaube nicht an gut oder schlecht. Ich sage, etwas ist schön oder hässlich. Und das ist relativ. Wenn man alles relativ beachtet, dann ist nichts mehr absolut gut oder absolut schlecht. Religion kann etwas Schönes sein. Sie kann sogar sehr schön sein. Aber sie ist eine persönliche Angelegenheit. Solange niemand seine Religiosität zu einem Stein formt und ihn in meine Richtung wirft, habe ich kein Problem mit ihr. Alles, was Menschen zusammenbringt und andere nicht in ihrer Freiheit einschränkt, kann meiner Meinung nach schön sein. Ich bin zwar ohne Religion, aber nicht gegen Religion.