Päpstin mit Schnurrbart – Seite 1

Lady Gaga hält kein Mikrofon in der Hand, sondern eine Kamera. Sie hält sie auf ihre tanzenden Fans gerichtet. "Kleine Monster" nennt Gaga sie und dann stürzt sie sich ins Getümmel, springt auf und ab inmitten der Masse, zum Wummern der harten Beats, die gefährlich oft zu einem dröhnenden Brei verklumpen. Manchmal singt sie mit, als sei sie selbst Gast in einer Karaoke-Bar.

Nein, Lady Gaga veranstaltet kein Konzert hier im Berliner Berghain, sondern eine Listening Session. Das neue Album kommt vom Band, vom ersten bis zum letzten Song.

Doch natürlich ist dieser Abend weit mehr als die Vorstellung des neuen Gaga-Albums Artpop, das am 8. November erscheint. Es ist Fragestunde, Heldinnenverehrung, Gottesdienst.

Die Frau, die als Stefani Germanotta 1986 in New York geboren wurde und die Kunst der Inszenierung und Selbstverfremdung perfektioniert hat, brachte eine Botschaft mit: Schaut her, ich bin eine von euch.

Einer der größten Popstars unserer Tage, die am besten verdienende Berühmtheit unter 30, umringt von ihren "kleinen Monstern". Ein gleichzeitiges Anziehen und Abstoßen geht von dieser 1,55 Meter kleinen Frau aus, die in schwarzer Unterwäsche und angeklebtem Schnurrbart durch die Menge springt. Wie Bienen um ihre Königin, so scharen sich die Getreuen um sie. Doch alle wahren zugleich Abstand, die Verehrung braucht ein letztes bisschen Distanz.

Bald steht Lady Gaga wieder auf der kleinen Bühne, ein paar aus der Menge haben sich mit nach oben getraut. Sie schlägt mit den Fäusten in die Luft, fährt mit den Händen ihren Körper ab, gibt den Blick auf ihr Schamhaar frei. Dann nimmt sie einen tiefen Schluck vom Energydrink.  

Lady Gaga nimmt auf einem Ledersessel Platz. Nun sind die Fans dran. Wer an diesem Abend dabei sein wollte, hatte der Künstlerin auf Facebook eine Frage stellen müssen. Für die originellsten gab es zwei Karten. Alle anderen konnten den Abend im Livestream verfolgen.

Die Fragestunde gerät zur Andacht. Junge Männer und Frauen treten ans Mikrofon und danken für die Inspiration, die sie durch ihr Idol empfangen haben. Kaum Fragen, viele Huldigungen.

Die Botschaft ist fast christlich

Die Antworten halten einfache Botschaften bereit, für jeden eine eigene und doch immer die gleiche: Seid freundlich zueinander, auch ich will positive Energie verbreiten. Egal, ob Perücke oder Kostüm, ich bin immer dieselbe, immer ich selbst. Tut es mir gleich und seid, wer ihr seid. Ich bei eine von euch, ein kleines Monster.

Lady Gagas Worte wirken tröstlich, beinahe religiös, manche Fans fallen einander in die Arme. Christlich möchte man die Botschaften fast nennen, doch es geht hier auch um sexuelle Selbstbestimmung, um den Mut zum Coming-out. Germanotta zieht nicht zuletzt queeres Publikum an, das ihr bisexuelles Bekenntnis mit Jubel aufnimmt: "Was würdest du mit meinem Körper tun?", fragt eine Frau in Anspielung auf den Song Do What You Want. "Eine Menge", antwortet Gaga vielsagend.

Sie erzählt dann, wie sehr sie durch Jeff und Andy beeinflusst sei, von der explosiven Energie, die sie erfahre. Gemeint sind Jeff Koons und Andy Warhol: Der eine hat das Albumcover zu Artpop gestaltet, der andere liefert den Überbau des Phänomens Gaga, die Idee hinter der Verbindung von Kunst und Pop und von der perfekten Selbstinszenierung.

Zum Abschluss des Abends gibt es dann doch noch eine Weltpremiere. Lady Gaga singt Gypsy, eine Ballade des neuen Albums, am Klavier. Nun also wirklich: echter Gesang. Es geht um die Suche nach Heimat und die Sehnsucht nach Freiheit. "I don't wanna be alone forever / But I love a gypsy life", heißt es darin. Im Publikum formen Hände Herzen, Feuerzeuge werden geschwenkt, Tränen rinnen Wangen hinab.

Immer wieder an diesem Abend läuft die Moderatorin durchs Publikum und lässt sich Gaga-Geschichten erzählen. Ein Mädchen mit lila gebleichten Haaren berichtet, wie sie den Popstar nach einem Konzert in Hannover backstage getroffen habe. Sie sei selbst Sängerin, sagt das Mädchen, und Gaga habe sie damals ermutigt, weiterzumachen.

Ob sie nicht etwas ansingen wolle, fragt die Moderatorin. Dies sei doch jetzt die ultimative Chance für sie. Doch bevor es dazu kommt, kommt die Ansage aus der Regie: weiter im Ablaufplan, der Star will auf die Bühne.