Vielleicht waren es ja diese Bilder: Avril Lavigne, einst tanktopbewehrte Antithese zur bauchfreien Generation Girlie, stand vor sieben Jahren in der sengenden Sonne Kaliforniens und freite ihren Verlobten. Das allein ist zwar nicht verwerflich; Hochzeiten per se spießig zu finden ist schließlich ähnlich spießig wie Punkfrisuren per se dreckig zu finden. Das aufmüpfige Skatermädchen jedoch tauschte im Glanze einer mediterranen Herrschaftsvilla Chucks gegen Riemchenstilettos und heiratete in Weiß. Ganz in Weiß. Und das nicht als Zitat, Persiflage oder Statement, sondern mit all dem bürgerlich biederen Zeremonienklumpatsch von Schleppe über Strumpfband bis Brautstraußwerfen.

Wer vom früheren Rollenmodell cooler Altersgenossinnen mehr erwartet hatte, als dass sie im erstbesten Moment die Unschuld vom Lande gäbe, musste auf jene Roy-Black-Gedächtnis-Gala vor geladenen Paparazzi schockiert reagieren: ein böses, böses Omen.

Schon zu Hochzeitszeiten schien Avril Lavigne dort anzukommen, wo renitente Frauen im globalen Musikgeschäft offenbar eher früher als später landen: in einem Mainstream, der all den Riot Grrrls, Tomboys, Rockladies die Geschlechterrollenbrüche peu à peu abschleift. Das Wirken von früher wird dabei oft verächtlich gemacht, gerade weil sich das Neue nicht konsequent vom Vergangenen löst, sondern alles Verwertbare daran auch noch marketingfertig hinrichtet.

P!ink, Gwen Stefani und Courtney Love ging es nicht anders

Die atemberaubend burschikose Alecia Beth Moore alias P!ink etwa geriet bereits in diese unerbittliche Mechanik, als sie aus dem Video zur Coverversion von Lady Marmalade mit ihren ebenso eigenwillig gestarteten Kolleginnen Lil’ Kim, Mýa und Christina Aguilera einen Softporno machte und auch fortan jederzeit die Hüllen fallen ließ. Dem ziemlich weiblichen Rude Boy der alteingesessenen Skapunks No Doubt feilte das Popbiz gleich nach dem 96er-Riesenhit Don't Speak so konsequent die Kanten glatt, bis Gwen Stefani in Hot Pants Richtung R'n'B verseifte, auf dem auch ihre alte Band in die Belanglosigkeit gleitet. Courtney Love wechselte vom brachialen Grunge zur Brustvergrößerung und verkauft nun wie jede halbwegs erfolgreiche Popqueen eine "eigene" Parfümlinie. Und Avril Lavignes schneeweiße Anbiederung ans Mittelmaß kulminiert nun in einem fünften Album, das schon durch die Benennung nach sich selbst den fortschreitenden Verlust an Eigenständigkeit signalisiert.

Avril Lavigne ist nicht nur eine 13-stückige Verödung des frischen Punkpops vom Debütalbum Let Go, das vor elf Jahren erschien. Auch die Stimme dahinter nutzt ihr musikalisches Coming Out heute bestenfalls als wohlfeiles Zitat und klingt dabei zusehends wie Katy Perry, die vom Vorbild starker Mädchen zum It-Girl biegsamer Konsumgören verkommt. Und so verkleistert sich die 29-jährige Lavigne im Video Here's To Never Growing Up die Augen mit Kajal wie damals als MTV-Frischling, trägt aber Highheels zum Pressdekolletee.

Im Song Rock N Roll variiert sie zwar nochmals ihr abgetragenes Repertoire rotziger Kostüme und Gesten, doch das Haar ist seither immer blonder, immer femininer geworden. Und im Duett mit ihrem Neugatten Chad Kroeger, noch so eine ölige Rockröhre, klingt auch ihr Sound, wie das Skatergirl wohl nie klingen wollte: nicht nur gefühlig, noch dazu gefällig. Daran kann – umrahmt von einem Artwork zwischen Lolita und Vamp – auch ein sadomasochistisches Duett mit Marylin Manson wenig ändern.

Anders als der "reifere" Vorgänger Goodbye Lullaby (2011) oder ein grässliches Remix-Album im Jahr zuvor, solle das neue, wie die Verantwortliche zu Bedenken gibt, "stärker von Pop und Spaß geprägt sein". Zu blöd, dass dieser Pop statt Spaß bloß Pein bereitet. Einen Phantomschmerz trüber Erinnerungen an Zeiten, die sogar ganz vorn in den Charts weibliche Dissidenz duldeten.