Henrik Schwarz ist nicht der Typ, der mit Krawatte und frisch gestärktem Hemd ins Konzerthaus geht. Auch nicht, wenn er auf der Bühne steht, wie am Wochenende im Muziekgebouw in Amsterdam. Schwarz, 41, hat sich als Techno-DJ weltweit einen Namen gemacht. Nun gibt er zusammen mit dem Experimentalpianisten Hauschka ein Konzert mit dem Titel Scripted and Prepared. Schwarz setzt sich an den Flügel, nimmt seinen fransigen Schal ab und legt ihn in den Korpus. Obendrauf stellt er sein iPad. Ein Flüstern geht durchs Publikum, verunsichertes Lachen. Was macht dieser Typ da?

Sein Kollege Hauschka, ein schlaksiger Düsseldorfer, bürgerlich Volker Bertelmann, ist bekannt als Klavierdompteur: Er formt das Instrument zum Kunststück und entlockt ihm ganz unverhoffte Töne. Hauschka nimmt Platz am Flügel gegenüber. Blickkontakt Schwarz-Hauschka. Ein leichtes Nicken. Dann geht's los.

Schwarz drückt nur eine Taste, und sein Klavier spielt allein weiter. Der Geist der Maschine? Hauschkas Flügel steht offen, auf den Saiten liegen eine kleine Blechtrommel, eine Metallkette und anderer Kram, der dort eigentlich nichts zu suchen hat. Aber eigentlich gibt es nicht bei Hauschka. Er präpariert seinen Flügel ganz analog mit Folie, Klebeband, Klemmen und Ketten. Schwarz hingegen hält es mit dem Digitalen, schließt Laptop und Tablet-PC an ein Player Piano, das die Signale durch Motoren an den Tasten in Musik umsetzt. Das Publikum weiß nicht so genau, worauf es sich hier eingelassen hat. "Crazy Germans", flüstert jemand in der zweiten Reihe.

Musik - Hauschka und Schwarz spielen "Moving Drones" Techno-DJ Henrik Schwarz und Experimentalpianist Hauschka spielen "Moving Drones" bei einer Probe in Hamburg.


Im zweiten Stück des Abends feuert Schwarz seine ersten Akkorde ab, Hauschka beklebt noch schnell ein paar Saiten mit Gaffer-Tape. Über sein Tablet steuert Schwarz die Akkorde, lässt sie anschwellen und verebben, ganz DJ. Hauschka spielt ein paar Töne, spröde wie trockenes Holz, die sich im Soundgewimmel verlieren. Ein anderer Track schickt den Zuhörer ins Innere eines Wals: Der Bass pocht wie ein schwerer Herzschlag, umgeben von wildem Gluckern und Brausen, zerplatzenden Luftblasen.

"Ich wollte wissen, was wir mit einem reaktiven Klavier machen können", sagt Schwarz. "Ich spiele hinein und der Computer gibt es mir verändert zurück. Das Ergebnis ist sehr spannend: die Kombination von Computer als dem Digitalsten, das es gibt, und dem Klavier, der Königin der Instrumente." Schwarz macht sich immer wieder auch in Richtung Jazz auf, zuletzt arbeitete er etwa mit dem norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft.

Scripted and Prepared ist nicht nur Titel des neuen Projekts mit Hauschka, sondern beschreibt auch die technischen Voraussetzungen ihrer Musik. Schwarz schrieb dafür kleine Programme mit Handlungsanweisungen für den Computer. Dank Script und Player Piano wird er zum Überpianisten, kann fünf Akkorde oder 88 Tasten gleichzeitig greifen. In Hauschka hat er einen Gegenpol gefunden: Der will herausfinden, welches Klangpotenzial im Klavier selbst steckt. Hauschka dämpft die Saiten, quetscht die Töne, reißt und streichelt sie, lässt sie donnern.