Stellen Sie sich einen verrauchten Klub vor, irgendwann in den späten Fünfzigern oder frühen Sechzigern. Der riesenhafte Thelonious Monk sitzt am Klavier und sagt dann mit leiser Stimme: "Sie hören eine kleine Melodie, die ich für diese schöne Lady hier geschrieben habe. Ich glaube, ihr Vater hat sie nach einem Schmetterling benannt, den er fangen wollte. Ich denke nicht, dass er ihn gekriegt hat."

Der Schmetterling war eigentlich ein Nachtfalter, und das passte vielleicht besser zu ihr: Pannonica de Koenigswarter war eine Königin der Nacht. Ihr Tag begann, wenn die Sonne unterging. Die New Yorker Klubs waren ihr eigentliches Zuhause. Sie liebte die Jazzmusiker, und die Jazzmusiker liebten sie – und manchmal mochten sie auch die Mäzenatin in ihr. 

Harlems wilde Musik war ihr allerdings nicht an der Wiege gesungen worden. Pannonica, genannt Nica, entstammte der englischen Linie der Bankiersfamilie Rothschild. Geboren 1913, wuchs sie in jenen Kreisen auf, die bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein das Weltgeschehen mitlenkten. Die extravagante Nica, die Flugzeuge steuerte und tollkühn Auto fuhr, wurde in die beste Gesellschaft eingeführt, besuchte Bälle, schätzte die aus den USA nach Europa kommende Swing-Musik, heiratete jung und standesgemäß den französischen Baron Jules de Koenigswarter. Sie bekam mehrere Kinder, und als der Krieg ausbrach, kämpfte sie an der Seite ihres Mannes gegen die Nazis. Eine unkonventionelle Frau mit einer außergewöhnlichen Geschichte.

Ihre Großnichte Hannah Rothschild erzählt nun in einem angenehm leichten Ton von diesem kurvenreichen Leben. Ihr auf Interviews und ausgiebigen Recherchen basierendes Buch trägt den angemessenen Titel Die Jazz Baroness, und Rothschild berichtet darin natürlich auch von jener legendären Episode Ende der vierziger Jahre, die Nicas Biografie eine ganz neue Wendung geben sollte: "Teddy – einer von den Leuten, die ihr regelmäßig Platten schickten – fragte sie bei dieser Gelegenheit, ob sie schon mal von einem jungen Musiker namens Thelonious Monk gehört habe, der gerade seine erste Platte herausgebracht habe. 'Ich hatte noch nie von Thelonious gehört. Also lief Teddy los, um sie zu suchen, kam zurück und legte sie auf. Ich mochte meinen Ohren nicht trauen. Ich hatte noch nie etwas Ähnliches gehört. Ich muss das Stück zwanzig Mal hintereinander abgespielt haben. Verpasste meinen Flieger. Tatsächlich bin ich nie wieder nach Hause gefahren.'"

Sie verlässt ihre Familie für den Jazz

Die Begegnung mit der Musik von Thelonious Monk ist Nica Initiationserlebnis, Schock und Offenbarung. Sie verlässt ihren Mann, zu dem sie bereits seit Längerem ein eher distanziertes Verhältnis hat; sie verlässt auch ihre Kinder und bleibt in der Metropole des Jazz. In New York bezieht sie im Stanhope Hotel eine Suite, in der Jazzer fortan ein- und ausgehen. Sie unterstützt die meist chronisch unter Geldnot leidenden Musiker. Nachts finden um ihren eigens gekauften Flügel Jam-Sessions statt. Mit ihrem Rolls Royce und später einem Bentley fährt sie ihre Freunde zu deren Gigs. Das erregt Aufsehen. Charlie Parker stirbt an einer Überdosis ausgerechnet in der Suite des Stanhope Hotels, ein von den Zeitungen ausgeschlachteter Skandal, der inzwischen in den Mythenschatz der Jazzgeschichte eingegangen ist.

Überhaupt empfinden nicht wenige Nicas Gebaren als anstößig: Eine weiße, wohlhabende Frau, die fortwährend in Begleitung schwarzer Männer durch Bars und Klubs zieht, sorgt in einer von Rassismus tief geprägten Gesellschaft zwangsläufig für Klatsch und Tratsch. Mit dem Schlagzeuger Art Blakey hat sie tatsächlich ein Verhältnis; aber allein schon dass die meisten ihrer Freunde aus der verrufenen Jazz-Szene stammen, schafft Gesprächsstoff. Als man sie in den noblen Hotels der Stadt nicht mehr dulden will, kauft sie ein Haus in Weehawken, New Jersey, mit einem imposanten Blick auf die Skyline von Manhattan. Diese Bleibe bekommt den Namen "Cathouse", und das aus gutem Grund: Das Haus ist eine Anlaufstelle nicht nur für Hunderte von Katzen, sondern auch für jene anderen "Cats" – so nennen sich die Jazzmusiker in den Fünfzigern untereinander.

Aufstieg und Fall der Rothschild-Dynastie

Ihre tiefe Liebe gilt allerdings dem wahren Genie des Bebop: Der Pianist und Komponist Thelonious Monk wird zu ihrem Gott, den sie anbetet und für den sie sich aufopfert. Jahrzehntelang kann er sich Nicas Fürsorge und Hilfe sicher sein. Hannah Rothschild zeichnet das Bild einer Verehrung, die kaum ein Maß kannte, und einer Hingabe, die sich aus der unverbrüchlichen Leidenschaft für seine Musik erklären lässt.

Vor wenigen Jahren erschien das Buch Die drei Wünsche der Jazzmusiker mit etlichen Polaroid-Schnappschüssen der Baronesse. Pannonica hatte ihre Freunde über Jahre hinweg wie im Märchen nach ihren Sehnsüchten gefragt. Die Antworten ähneln sich und offenbaren die Sorgen, mit denen sich die fast durchweg schwarzen Musiker herumschlagen mussten: Das Geld ist knapp, die Engagements sind rar, die Gesundheit ist zuweilen angegriffen, das Krieg führende Amerika macht Bauchgrimmen, und der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten nagt an den Nerven. 

Jazz als soziale Praxis

Oft wird in den kurzen Repliken deutlich, dass der Jazz eben nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine soziale Praxis ist: Sie hat mit Emanzipation und dem Einfordern von vorenthaltenen Rechten zu tun. Thelonious Monk antwortete auf die Frage nach den drei Wünschen, er wolle mit seiner Musik erfolgreich sein, eine glückliche Familie und eine "verrückte Freundin wie dich" haben. Worauf Pannonica erwiderte: "Aber Thelonious, (…) das hast du doch alles schon." Vor allem eine verrückte Freundin wie Pannonica zu haben, war für ihn und für viele der Jazzmusiker jener Zeit ein Segen.

Viele Jahre lang lebt der an Depressionen und anderen Krankheiten leidende Monk bei ihr, da ist er als Musiker längst verstummt. Meist liegt er nur im Bett, schweigend und nicht mehr von dieser Welt. Nica versucht alles, ihm zu helfen. 1982 erliegt er einem Herzinfarkt; Pannonica de Koenigswarter überlebt ihn um sechs Jahre. Sie stirbt 1988 im Alter von 74 Jahren.

Hannah Rothschilds Die Jazz Baroness ist nicht nur das Porträt einer britischen Exzentrikerin. Immer wieder finden sich außerdem atmosphärisch dichte Beschreibungen der klassischen Epoche des Jazz. Die Hommage an ihre Großtante, die auch eine facettenreiche Geschichte von Aufstieg und Fall der Rothschild-Dynastie enthält, ist die Verbeugung vor einer bedingungslos Liebenden und die Erinnerung an ein aufregendes Leben. Weiterleben wird Pannonica in den Stücken, die etliche ihrer Freunde für sie geschrieben haben.