Niemand darf sich beschweren. Wer Lady Gaga in sein Leben lässt, ist selbst Schuld. Jeder hat die Wahl, ob er sich ihre Videos anschaut, ihre Tweets liest, ihre Songs streamt oder sogar das neue Album kauft. Unser Medienkonsum war noch nie so selektiv und personalisierbar wie heute. Lady Gaga dröhnt aus Ihrem Radio? Tja, falscher Sender.

Musikalisch ist das mies bis mittelmäßig, darauf haben sich viele Erwachsene in den vergangenen Jahren einigen können. Dennoch ist die Menge all derer, die bereitwillig an Stefani Germanottas Leben und Wirken teilhaben, von paradoxer Zahl. Man kann sie eine pathetische, gigantomane Tanzbratzenziege nennen oder einfach den größten Popstar unserer Zeit.

Nur fünf Jahre hat Lady Gaga gebraucht, um mit einem Gesamtwerk aus massentauglicher Popmusik, kunstreferenziell aufgeladener Inszenierung und fanbindender Social-Media-Strategie die Gesellschaft zu durchdringen. Es gibt keine Person der westlichen Unterhaltungsbranche, die so vielen Menschen bekannt ist, sie gleichsam interessiert, fasziniert und provoziert. Jeder hat eine Meinung zu Gaga. Körperlich oder geistig Jugendliche verehren sie als Mother Monster, Erziehungsberechtigte verstört sie, Spießer schockiert sie, Geschäftsleuten imponiert sie, Akademiker beschäftigt sie. Laut Forbes Magazine ist sie die Reichste unter 30, und das Times Magazine wählte sie im April zur zweiteinflussreichsten Person der vergangenen zehn Jahre. Vor ihr nicht etwa der notorische Listenanführer Barack Obama, sondern die Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi.

Andy Warhol dreht sich um

Als Meisterin der Selbstermächtigung hat Lady Gaga von Anfang an ihre eigenen Prophezeiungen erfüllt, auch als ihr noch niemand zuhörte. Ihr Debüt 2008 hieß The Fame und erbrachte das Benannte. Es folgte Born This Way (2011) als herzliche Umarmung ihrer Monster-Gemeinde, der sich viele soziale Außenseiter angeschlossen haben. Und jetzt erscheint Artpop, dessen Titel sich freilich nicht auf die musikalische Dimension des Albums bezieht, sondern – es ist eben Gaga! – Ausdruck eines umfassenden Kunstwollens ist.

Während der Werkeinführung im Berliner Berghain erklärte sie, Artpop sei als Umkehr von Andy Warhols Popart zu verstehen. Ihr Idol mit den weißen Perücken (!) hat Konsumprodukte ins Museum gehängt. Gaga holt 40 Jahre später die Kunst aus dem Museum und schmückt damit ihre Konsummusik. Sie will nicht die Popularisierung der Kunst, sondern die Verkunstung des Pop. Alles Elitäre soll schwinden. Das Internet ist ihr Museum und ihr Werk ein Mash-Up aus den verschiedensten Zeichen, das in seiner Aussage offen bleibt und somit für alle zugänglich. In diesem seltsam erratischen Kalkül und dem Anrufen, ja, Anschreien einer Kunstreligion ähnelt sie Jonathan Meese, dem liebsten Provokanten der Deutschen. Was Gaga kürzlich der Spex sagte, hätte auch Meese im Spiegel schreiben können: "Ja, kontrolliert mich! Kunst, übernimm die Verantwortung über mich! Ich bin bereit! Kunst, kontrolliere den Pop!"

Jeff Koons macht die Hülle

Der Anfang ist gemacht. Beispielsweise hat der Kitschplastiker Jeff Koons ihr neues Albumcover gestaltet, die nackte Gaga als eierschalenfarbene Porzellanskulptur mit seinem Gazing Ball zwischen den Beinen. Im Hintergrund zersplittert Botticellis Venus – vor Neid oder weil ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist? Gaga trifft den Theaterregisseur Robert Wilson, plaudert mit David LaChapelle, lässt sich von Terry Richardson ablichten und von der Performancekünstlerin Marina Abramović therapieren.


Eigentlich steckt sie nämlich mitten in einer persönlichen Krise, das gehört auch zum Künstlerdasein, weiß jedes Kind. Mit 27 (ein gefährliches Alter für Popstars) ist sie müde vom Geschäft, vom unnatürlichen Leben zwischen Suite, Limo und Show, wie sie in zahllosen Interviews berichtet. Sie spricht von Depressionen, nicht nur ihre kaputte Hüfte, auch ihre Psyche müsse heilen. Ob Teil des Konzepts oder Wahrhaftigkeit – man weiß es bei ihr nie so genau. Das Hochgefühl der Übermacht wird von einer diffusen Traurigkeit überschattet.