95,3 Prozent der Stimmen konnte Horst Seehofer bei seiner Wiederwahl als Parteivorsitzender der CSU gewinnen. Die absolute Mehrheit im bayerischen Landtag hat er sowieso. Nun scheint er sich einzureihen in die Galerie seiner Ahnen: Strauß, Stoiber, Seehofer. Es ist also an der Zeit für ein Lob Bayerns. Soll heißen: Ein Lob des anderen Bayerns. Jenes, das Karl Valentin hervorgebracht hat oder Gerhard Polt. Das immer auch den Andersdenkenden eine Nische bot, die keine Rampensäue sind. Das musikalischer Experimentierfreude Raum ließ, die von Amon Düül – entstanden aus einer Münchner Künstlerkommune – bis zu The Notwist reicht. 

Das Lob dieses Bayerns ist nicht nur nötig, weil Seehofer gerade den großen Mann markiert, sondern auch weil das Jahr 2013 zu den fruchtbarsten seit Langem gehörte. New Weird Bavaria nennt sich eine neue Strömung, die wie ihre großen Vorgänger die Grenzen zwischen Pop und Experiment suchen. Den Kern der Gruppe bilden die Musiker von Aloa Input, deren Debütalbum Anysome kürzlich erschien. Cico Beck, Marcus Grassl und Flo Kreier haben alle schon in verschiedenen Projekt der bayerischen Szene mitgewirkt. Aloa Input ist eine Art Supergroup der Münchner alternativen Popmusik.

Flo Kreier ist es auch, der den Namen in Anlehnung an New Weird America ins Spiel brachte. Vor Jahren bereits benutzte er die Wortfolge auf seiner Myspace-Seite als Genrebezeichnung für sein Nebenprojekt Angela Aux. Inzwischen hat sich der Begriff erweitert: Wie New Weird America eher eine Musikergeneration von Animal Collective über CocoRosie bis zu Devandra Banhart als eine einheitliche musikalische Ausrichtung bezeichnet, ist das musikalische Verwandtschaftsverhältnis der Protagonisten von New Weird Bavaria eher locker.


Joasinho – deren eine Hälfte Cico Beck ist – arbeiten viel mit Schlagwerk und elektroakustischen Klängen. Den Kern der Musik von The Dope bilden Gitarren, während The Marble Man sich von klassischer Singer-Songwriter-Musik zu einem Bandprojekt mit ausgefeilten Arrangements und großen wie traurigen Popsongs entwickelt hat. GEF dagegen findet seinen Platz eher in der Tradition von Bands wie The Notwist und Ms. John Soda, wie sie das Berliner Label Morr Music seit jeher hegt und pflegt. Aloa Input schließlich stehen für die Verbindung von alternativer Popmusik mit elektronischen Experimenten – wobei elektronisch hier nicht stampfende Beats meint, es bleibt immer angenehm leicht und entspannt.

Gemein ist vielen Musikern der Bands, dass sie aus der Peripherie ins Zentrum gezogen sind, aus den ländlichen Regionen Bayerns – aus dem Chiemgau, aus Niederbayern oder Franken – in die Landeshauptstadt München. Sie stammen, so haben es The Dope mit dem Titel ihres in diesem Jahr erschienenen Albums getauft, aus Hinterlandia. In den abgelegenen Dörfern kann die Musik so viel mehr Bedeutung erlangen als in den von Trends und Hypes getriebenen Städten. In Hinterlandia wird der Traum des Ausbruchs gelebt. Raus aus der sozialen Kontrolle dörflicher Gemeinschaft, weg von der Laptop- und Lederhosenideologie Seehoferscher Ausprägung, hin zu einem Leben mit Gleichgesinnten.