Das Problem hat Beyoncé nicht mehr: Seit sie vor zehn Jahren mit ihrer Vergangenheit in der Girlgroup Destiny’s Child gebrochen, ihren Vater als Manager entlassen und ihr Image als nette Hupfdohle umgekrempelt hat, weigert sie sich häufig, an sie gestellte Erwartungen zu erfüllen. Ihre Musik wurde rauer, sie wilderte im Hip-Hop, inszenierte sich als markige Powerfrau und verletzliche Geliebte, kurz: als Mensch mit Widersprüchen.

Diese Inkonsistenz bleibt erhalten. Heultrine, Disco-Püppchen, Hooliganbraut – Beyoncé dekliniert alle möglichen Images durch. Mal erinnert ihre Musik an einen schnellen Massive-Attack-Track, dann an eine funkige Kelis-Nummer oder ein langsames Rihanna-Stück. Überhaupt Rihanna! Die Sängerin wurde einst von Jay-Z entdeckt und scheint im Mittelteil des Albums als Blaupause durch, wenn es um die aufreizenden Klöppelbeats und hektisch pumpenden Hinterbacken geht. Das ist der schwächste Teil der Platte, die viele Höhepunkte hat: die knackigen Disco-Zitate in Blow, das Superpower-Duett mit Soul-Erneuerer Frank Ocean und die Mitklatsch-Hymne XO.

Sicher, die Bilder überlagern die Musik. Das Styling der Haare und Fingernägel brennt sich stärker ins Gedächtnis als manche Textzeile. Doch ist das ungewöhnlich für eine Zeit, in der Instagram-Filter die Weltsicht bestimmen? Als kurzweiliges Gesamtkonzept überzeugt Beyoncé jedenfalls. Und vielleicht sieht ja so die Zukunft des kriselnden Albumformates aus: wie ein Popcorn-Clip aus dem Modekatalog.

Erschienen im Tagesspiegel