Es war mir schon klar. Dass Kraftwerk für die Entwicklung der deutschen Popkultur von größter Bedeutung sind, dass sie die elektronische Musik, wie wir sie heute kennen, geformt haben. Wie man eben weiß, dass man Abraham Lincoln am Bart und an der schwarzen Fliege erkennen sollte, dass der irgendwas mit der Abschaffung der Sklaverei zu tun hatte. Mit solchem Halbwissen hangelt man sich eben durch die ganzen Abende in Bars und Klubs und Restaurants.

Wenn es um provokante Kunst geht, sagt man halt Meese. Wenn man einen Musikstudenten trifft, und es geht um Zwölftonmusik, steckt man sich cool eine Zigarette an, bestellt ein Bier und faselt dabei irgendwas von Stockhausen und so einer Dokumentation, die man neulich nach der Rückkehr aus dem Berghain mit ganz trockenem Mund und offenen Augen auf YouTube gesehen hat.

Ehrlich gesagt weiß ich gar nichts über Kraftwerk. Bis auf die Basics. Bis jetzt, um 11.23 Uhr an diesem Mittwoch im Januar. Also, Kraftwerk wurden 1970 in Düsseldorf gegründet. Von Ralf Hütter und Florian Schneider. Und nun bekommen sie als erste deutsche Band einen Grammy für ihr Lebenswerk. Das wiederhole ich noch mal leise, während ich auf Spotify den ersten Kraftwerk-Song auswähle, mit dem ich meinen 24-stündigen Selbstversuch beginnen will: ein Tagewerk mit Kraftwerk und was es mit mir macht.

Florian Schneiders Vater, ich erinnere mich, war Paul Schneider-Esleben, ein Architekt, der hat zum Beispiel den Neubau am Köln-Bonner Flughafen konstruiert und gebaut. Das denke ich jedes Mal, wenn ich dort aussteige. Ich mag den Flughafen sehr. Vorn steht Konrad Adenauer drauf. Und das Gebäude wirkt wie ein großes Kreuzfahrtschiff, auf dessen Deck man sich sonnen könnte. Den Flughafen Tegel mag ich auch. Vielleicht sogar lieber. Weil der in Form eines Hexagons gebaut wurde, wie Bienenwaben, wie Basalt, wie Benzolringe.

Die Generation Käfer

Ich entscheide mich für Autobahn. Sie werden jetzt denken: "Was, der junge Autor beginnt mit Autobahn? Ach, wie naheliegend!" Und ich sage Ihnen: Ja, mit Autobahn soll alles beginnen. Ich stelle den Laptop auf den Stuhl im Badezimmer. Wasser läuft, Musik läuft. Da schlägt eine Autotür zu. Dann startet der Motor. Das hört sich an, als würde das Auto rückwärts fahren. In einem Internetforum von Citroën-Liebhabern fragt Uwe aus Aschaffenburg, welches Auto das wohl ist. Uwe meint, es sei ein Opel Rekord. Und auf die Kommentare der anderen antwortet er: "Speziell der mit dem Käfer sollte sich nochmal das Gehör eichen lassen.... Diesel schliesse ich auch aus." Jochen glaubt, es könnte ein Sechs-Zylinder-Kapitän gewesen sein, dafür spreche die helle Hupe.

Autobahn in der Dusche

Ich schneide mich beim Rasieren. Ich kann den Blutstropfen sehen, der sich im Wasser zu meinen Füßen in einen tänzelnden Wirbel verwandelt.

Autobahn ist von 1974 und dauert 22 Minuten. In ihm haben Kraftwerk die deutsche Seele vertont. Die Autobahn, das Automobil, die Raserei ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, das ist das Deutscheste auf der ganzen Welt. Nach Florian Illies gehören die um 1970 Geborenen zur Generation Golf – die in den Fünfzigern und Sechzigern Geborenen müsste man also Generation Käfer nennen. Ich glaube, das ist ein VW Käfer am Anfang von Autobahn.

Meine Mutter, die hatte einen. In Hellblau. Mit dem Kennzeichen DU - R 940. DU - R wie Moll. Und ihre Freunde, Ruth, Lotti und Klaus, hatten auch alle einen. Auch in Hellblau. Sie konnten sich mit ihren Schlüsseln gegenseitig die Autos aufsperren. Ruth konnte sogar alle anderen Käfer starten mit ihrem. Einmal, das weiß meine Mutter noch ganz genau, hat sie ihren hellblauen Käfer vor dem Institut für Pharmakologie in Bonn-Endenich geparkt. Das war 1972. Dann ist sie rein. Und der Klaus hat einfach ihr Auto umgeparkt und kurz dachte meine Mutter, es sei gestohlen worden. Das hat sie mir erzählt und dabei gelacht und sich gefreut, weil ihre Studienzeit unendlich schön gewesen sein muss.