Fühlen – was alles in diesem Wort steckt. Die ergreifende Herzensangelegenheit etwa oder doch bloß sensorische Sinneswahrnehmung. Als Emotion kann fühlen den Lebenswillen rauben, als Empfindung auf der Haut verpuffen. Weil zwischen Euphorie und Juckreiz alles drin ist, kommt es umso mehr auf den Kontext an. Das sollte man sich kurz vor Ohren halten, bevor der scheinbar arglos dahingehauchte Imperativ "See only what you feel" hindurchrauscht wie ein Hitparadenrefrain der Marke Sommerhit 2014.

"Sieh nur das, was du fühlst": Gesungen von einer aufgebrezelten Vortänzerin des globalen Pop, wäre so ein Satz ja bestenfalls Begleitung seifigen Chart-Gedudels. Aber was, wenn es einer singt wie Beck? Jener kindchenschemasüße Kalifornier mit Nachnamen Hansen; ein Singer/Songwriter, der Folkpop und Hip-Hop vor 20 Jahren zum Schnodderigsten kompilierte, was der Independent bis heute zu bieten hat. Wenn er es tut, ja, da dann haben wir ein Problem.


Wenn nämlich jener Beck dem Hörer auf dem neuen Album Morning Phase in seiner tiefenentspannten Art aufträgt, ausschließlich das zu sehen, was man fühlt, hören seine Kritiker dahinter L. Ron Hubbard sprechen: Apostel, Gott, Prophet der Scientology-Sekte in Personalunion. Vor knapp zehn Jahren wurde ruchbar, dass Beck nach seiner Hochzeit mit einer Schauspielerin namens Marissa Ribisi (Some Girl) Hubbards dubioser Kirche beigetreten sei. 

Boykotte der Scientology-Künstler

Solch ein Schritt ist in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vom künstlerischen Werk zu trennen. Juliette Lewis, John Travolta, Kirstie Alley, ja sogar (stellvertretend für dessen Synchronstimme Nancy Cartwright) Bart Simpson und natürlich Scientologys strahlendster PR-Stern Tom Cruise – sie alle gelten ja nicht nur als Protagonisten einer inkriminierten Religionsgemeinschaft, sondern ihr kreatives Schaffen gleich mit. Jeder Travolta-Film erntet Boykottaufrufe, die davor warnen, Scientology mitzufinanzieren. Und wann immer Cruise auf der Leinwand auftaucht, fürchten viele die Indoktrination der Zuschauer. Davor ist auch Beck nicht gefeit; da kann er seit seinem spirituellen Outing noch so oft "it's a personal thing" beteuern.

Privatsache ist es in dem Maße, wie das Leben Prominenter generell als Privatsache aufgefasst wird. Im Selbstverständnis bunter Medien und deren Publikum sind Stars nicht nur öffentliche Personen, sie sind Gemeineigentum. Jedes Wort, jede Tat, jeder noch so intime Habitus gerät in die Deutungsmaschinerie des Boulevards. Und wenn Beck im Spiegel-Interview "Antennen" an sich verortet, mit denen er "Schwingungen der Luft" aufnehme, mutiert das knuddeligste Lausejungengesicht zur Fassade. Zumal ein Künstlerkind aus dem liberalen Los Angeles, aufgewachsen im Umfeld von Andy Warhols Factory, garantiert zu klug ist, um verführt zu werden.

Im Umkehrschluss hieße das: Beck – der Verführer. Durch seine Texte, die Musik, ihr PR-Potenzial. Das neue Album heißt Morning Phase? Damit kann folglich nur der erwachende Morgen scientologischer Weltherrschaft gemeint sein. Morgen? Morgenland? Islam? Islamismus? Klingelt's?