Pop ist, wenn man trotzdem singt

Alaa Wardi könnte in jeder Szenekneipe dieser Welt sitzen. Den schlanken 27-Jährigen mit den langen, lässig im Nacken zusammengebundenen Haaren, den minimalistischen T-Shirts und dem Vollbart könnte man beim Soundcheck in Kreuzberg treffen, beim Stöbern im Londoner Plattenladen oder im Club im Pariser Viertel Marais.

Tatsächlich aber steht Alaa Wardi beinahe täglich auf der Bühne – auf YouTube. Er begeistert Millionen Menschen von Saudi-Arabien aus mit detailverliebten und humorvollen A-cappella-Versionen bekannter Songs. Eine YouTube-Sensation. Seine Videos wurden in rund drei Jahren mehr als zehn Millionen Mal angeklickt. Er ist eine Ikone der saudi-arabischen Netzwelt.


"Momentan ist es nicht möglich, hier Konzerte für die Öffentlichkeit zu organisieren", sagt Wardi gleichermaßen diplomatisch und hoffnungsvoll. Der gebürtige Iraner wuchs in Riad auf und lebt auch heute dort. Auftrittsmöglichkeiten für Musiker wie Alaa Wardi sucht man im konservativen Saudi-Arabien jedoch vergeblich. Also versuchte er es auf eigene Faust. In seinem Apartment in Riad nahm er im Mai 2011 sein erstes Video auf: Die traurige Ballade Ma3gool hat er selbst geschrieben. Ein Mikrofon, seinen Körper und einen Computer, mehr braucht er nicht. Wardi imitiert sämtliche Instrumente mit seiner Stimme. Er klatscht, schnipst mit den Fingern, trommelt auf seinen Brustkorb, selbst Bartkratzen setzt er musikalisch ein. Gesang, Rhythmus, Background, Effekte: Jedes stimmliche Element wird nacheinander eingeführt. Jeder Song wächst Bild für Bild, Ton für Ton.


Was in Europa zwar als künstlerisch beachtlich und unterhaltsam, jedoch nicht als revolutionär gilt, ist für die arabische Welt noch immer ein Novum. A-cappella-Musik auf Arabisch gab es nicht, bis Alaa Wardi die virtuelle Bühne betrat. Der erinnert sich gern an die Reaktionen auf sein erstes Video: "Es war unglaublich! Ich denke, es war vor allem interessant für das Publikum, diese Art von Musik zum ersten Mal in der eigenen Sprache zu hören und zu sehen." Zwar habe es bereits zuvor einige wenige arabische A-cappella-Künstler auf YouTube gegeben, sagt Wardi, doch die hätten vor allem auf Englisch gesungen. Durch die arabischen Texte sei der Bezug zur eigenen Kultur viel größer. Der große Erfolg gibt Wardi recht. "Es scheint, die Menschen mögen meine Idee", sagt er bescheiden.

"No Woman, no drive"

Eine Woche nach Ma3gool lud Wardi ein neues Video hoch. Diesmal interpretierte er einen Hit der libanesischen Pop-Diva Nancy Ajram, einem Superstar der arabischen Musikwelt. Das war die Idee! Heute gilt er als der Cover-Künstler schlechthin. Erst eroberte er die arabischsprachige Community, indem er Hits von Nancy Ajram, Amr Diab und zuletzt des algerischen Superstars Khaled nachsang. Im vergangenen Jahr gewann er dann mit seinen Interpretationen bekannter Bollywood-Songs auch indische Fans für sich. 

Wardi ist ein Alleinunterhalter, doch nicht nur immer solo unterwegs. Für das weltweit mehr 11 Millionen Mal angeklickte Video No Woman, no Drive tat er sich im Oktober 2013 mit den Comedians Hisham Fageeh und Fahad Albutairi zusammen. Zu dritt verwandelten sie Bob Marleys No Woman, no Cry in beißende Satire und kritisierten das Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien. Es wurde zur Hymne der Aktion Women2Drive, die saudi-arabische Frauen am Steuer zeigt. Ein Reggae-Ohrwurm als musikalischer Seitenhieb auf die konservative Politik in Saudi-Arabien, darüber berichteten sogar deutsche Medien. Rückblickend bezeichnet Wardi sein Video vorsichtig "eher als Comedy", die politische Dimension spielt er herunter. Weitere Projekte in dieser Richtung seien aber durchaus denkbar.

Saudi-Arabien hat die meisten YouTube-Nutzer der Welt


Neue Medien machen den klassischen auch in Saudi-Arabien zunehmend Konkurrenz. Fast die Hälfte der rund 29 Millionen Einwohner Saudi-Arabiens ist jünger als 25, siebzig Prozent sind unter 30. Ihr Interesse an den von der Regierung kontrollierten und zensierten, konventionellen Medien sinkt kontinuierlich. "Klassische Medien greifen stärker in die Inhalte ein. Als Künstler ist es deshalb schwierig, man selbst zu bleiben", sagt Alaa Wardi.

Die Jugend ist die treibende Kraft des Internet-Booms am Golf und macht das Königreich zum Land mit den meisten YouTube-Nutzern der Welt. Seit 2012 stieg die Zahl der aktiven Internet-Nutzer in Saudi-Arabien um 300 Prozent. Allein das YouTube-Programm UTURNent mit Sitz in Dschiddah verzeichnete im vergangenen Jahr 286 Millionen Klicks. Telfaz11, ein YouTube-Programm, mit dem auch Alaa Wardi zusammenarbeitet, kommt auf 222 Millionen Klicks.

Kunst und Kontrolle am Golf

YouTube unterliegt bisher weniger strengen staatlichen Kontrollen als Twitter und Facebook. Wer auf diesen Plattformen von der konservativen Linie des Regimes abweicht, zahlt einen hohen Preis: Der Schriftsteller Turki al-Hamad wurde 2012 wegen islamkritischer Tweets zu sechs Monaten Haft verurteilt. Der Journalist und Blogger Hamsa Kaschgari, der aus demselben Grund inhaftiert worden war, wurde im Oktober 2013 nach mehr als einem Jahr weltweiter Proteste aus dem Gefängnis entlassen. Auf YouTube hingegen können sich auch saudi-arabische Künstler humoristisch vorgetragene Kritik und Satire erlauben. Das könnte sich jedoch bald ändern, denn die saudische Generalkommission für audiovisuelle Medien kündigte im Dezember an, dass man über verschärfte Kontrollen von YouTube-Inhalten nachdenke.

Alaa Wardi hält sich zu diesem Thema diplomatisch bedeckt. Er wisse gar nicht genau, was die Generalkommission da plane, sagt er augenzwinkernd. Er selbst fühle sich in seinem Schaffen nicht beeinträchtigt. Mehr ist ihm nicht zu entlocken, wenn es um die künstlerische Freiheit in Saudi-Arabien geht. Gesprächiger reagiert Wardi auf Fragen zu seiner Musik. "Die Reaktionen der Menschen auf meine Videos inspirieren mich. Meine Musik scheint das Publikum glücklich zu machen. Die Menschen werden unterhalten, sie lernen etwas Neues kennen und können ihre Probleme für eine Weile vergessen. Das ist für mich Grund genug, weiterzumachen", sagt Wardi.


Da liegt es nahe, dass er sich für seine jüngste Cover-Version einen Welthit aussuchte, der die Leichtigkeit geradezu zelebriert. In seiner Version von Pharrell Williams' Hit Happy unterstützen Wardi zahlreiche Kollegen seines YouTube-Kanals Telfaz11. Das Video lässt tatsächlich kaum erahnen, dass die jungen Künstler inmitten einer politisch instabilen Region und in einem konservativ-repressiven Regime leben. Das Spiel mit Klischees kommt leichtfüßig daher und es zeigt deutlich: Im Königreich Saudi-Arabien lebt eine Jugend mit künstlerischen Talent, viel Humor und Energie.