ZEIT ONLINE: Herr Drücke, vor genau einem Jahr wurde heftig über die Band Frei.Wild gestritten, weil sie für einen Echo nominiert war. Wie würden Sie die damalige Diskussion zusammenfassen?

Florian Drücke: Die Debatte des letzten Jahres war überraschend. Dass die Band so umstritten war, war nicht vorhersehbar. Wir haben dann als Veranstalter dieses größten deutschen Musikpreises reagiert.

ZEIT ONLINE: Aufgrund des Drucks vieler Künstler, die Frei.Wild als rechtsnational einstufen, wurde die Band damals von der Nominiertenliste gestrichen. Nun ist es doch so, dass der Echo diejenigen Musiker auszeichnet, die in Deutschland die meisten Alben verkauft haben – also die quantitativ erfolgreichsten einer Kategorie. Wie konnten dann qualitative Argumente zum Ausschluss einer Band führen?

Drücke: Das war letztes Jahr eben die Situation. Der Echo basiert auf der über einen bestimmten Zeitraum laufenden Betrachtung der Chart-Erfolge. Es geht um die Umsätze, die ein Künstler getätigt hat. Aber es gibt auch noch die Jury, die am Ende darüber befindet. Insofern ist es ein sehr demokratischer Preis, weil er den Kunden an der Ladenkasse quasi mit zur Jury macht.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie dann einen neu eingesetzten "neutralen und unabhängigen Beirat" mit der Prüfung einer erneuten Nominierung von Frei.Wild in diesem Jahr beauftragt?

Drücke: Uns war klar, dass das eine Diskussion ist, in der man nicht gewinnen kann. Sie spielt sich ab in dem Spannungsfeld zwischen unseren grundlegenden gesellschaftlichen Normen und künstlerischer Freiheit. Wir haben dann einen Echo-Beirat im Echo-Reglement verankert und ihm eine Geschäfts- und Verfahrensordnung gegeben. Dieser Beirat fällt eine den Vorstand des Verbandes bindende Entscheidung.

ZEIT ONLINE: Wie setzt sich dieser Beirat zusammen und nach welchen Kriterien urteilt er?

Drücke: Er besteht aus zwei Vertretern der Kirchen, zwei Vertretern des öffentlichen Lebens, einem Vertreter der Lehrerschaft, einem Vertreter des Kulturrates und auch einem Vertreter des deutschen Musikrats. Das sind zum Teil Institutionen, die in der Diskussion über die Freiheit von Kultur sehr wissend sind. Sie entscheiden über die Vereinbarkeit einer Nominierung mit grundlegenden gesellschaftlichen Normen.

ZEIT ONLINE: Frei.Wild sind mittlerweile zum Symbol für einen grassierenden Rechtsrock geworden. Dennoch hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien eine Indizierung mehrmals im Sinn der Kunstfreiheit abgelehnt. Der Berliner Senat stuft Frei.Wild nicht als politische Band ein. Sie schließen sich der institutionellen Meinung an und widersprechen den vielen Kritikern aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Bereich. Braucht man wirklich eine neue Kommission, um zum selben Urteil zu kommen? Das ist doch Makulatur.

Drücke: Ich glaube nicht, dass man es sich so leicht machen sollte. Dieser Echo-Beirat hat sich in einer sehr intensiven Diskussion mit dem Gesamtkontext und den Texten von Frei.Wild auseinandergesetzt. Und er hat sich darin bestätigt gefunden, dass auch die Bundesprüfstelle die Band nicht indiziert hat.

"Das ist für diese Kategorie ausreichend"

ZEIT ONLINE: Wenn man eine solche Kommission einsetzt, könnte man ihr moralische Grundsätze an die Hand geben. Zum Beispiel, ein mögliches Urteil auf der Folie aktueller politischer Ereignisse zu überprüfen: Wie wirkt die Nominierung von Frei.Wild, während in Hellersdorf, Lichtenhagen und Barsinghausen gegen Asylbewerberheime protestiert wird?

Drücke: Das läuft vielleicht in der Berichterstattung irgendwann zusammen. Aber das hat nichts mit der Frage einer Nominierung zum Echo zu tun. Der Beirat ist unabhängig von tagesaktuellen Ereignissen berufen.

ZEIT ONLINE: In der Beiratsbegründung steht, Frei.Wild hätten die Grenzen vom künstlerisch Vertretbaren zum gesellschaftlich völlig Unvertretbaren nicht überschritten. Allerdings benutzen sie doch Codes, die in rechtsextremen Kreisen gern gelesen und gehört werden. Sie bewegen sich bewusst an der Grenze zu indexierungspflichtigem Material. Fängt nicht genau da das gesellschaftlich Unvertretbare an?

Drücke: Wir sagen, das ist die Kompetenz des Echo-Beirats. Der Vorstand des BVMI ist an diese Entscheidung gebunden.

ZEIT ONLINE: Frei.Wild sind zusammen mit In Extremo, den Scorpions, Schandmaul und Sportfreunde Stiller nominiert in der Gruppe Rock/Alternative National. Bedeutet das jetzt die Annexion von Südtirol? Die Band kommt aus Italien.

Drücke: Zwei Bandmitglieder haben einen deutschen Pass, sie singen auf Deutsch und die Musik wird meines Wissens auch in Deutschland produziert. Natürlich gibt es Grenzfälle. Aber das ist für diese Kategorie ausreichend.

ZEIT ONLINE: Es gibt Stimmen, die vermuten, der BVMI würde diesen Aufruhr um den Echo absichtlich provozieren, weil der Frei.Wild-Skandal im letzten Jahr gute Einschaltquoten brachte, nachdem die Fernsehübertragung in den Vorjahren sinkende Zuschauerzahlen hatte.

Drücke: Das ist eine Unterstellung. Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, dass wir einen Aufruhr absichtlich provozieren. Dieses Kalkül, gerade in diesem Umfeld, wird man keinem einfach so unterstellen. Es sei denn, man ist dabei, eine Diskussion anzuheizen.

ZEIT ONLINE: Ich frage nur, ob an den Gerüchten etwas dran sein könnte.

Drücke: Das ist auf keinen Fall so. Wir haben eine sehr klare Diskussion geführt und wir haben ein sehr breites Verständnis für dieses Vorgehen. Auch in Hinblick auf die Kreativen. Gerade, weil wir hier an einem Punkt sind, an dem die Verantwortung für die Freiheit von Kultur und das künstlerische Schaffen enorm ist. Ich bin froh, dass wir ein transparentes und meiner Meinung nach auch sehr belastbares Vorgehen gefunden haben.