Wer seinen Nachwuchs musikalisch unterfordern will, muss ihm nur Larissa und die Menschenkinder vorspielen. Im hyperharmonischen Dauer-Dur fortwährender Glückseligkeit singen kreuzbrave Gören und ihre Mütter über Sommer, Sonne, Ferien und wie schön das Leben doch ist, oder wie dufte der Klavierunterricht. Nicht nur für reifere Geschmacksnerven ist das ein babybadwarmes Fegefeuer der Sorglosigkeit. Und wie heiß es brennt, verdeutlicht das erste Stück der neuen Platte einer Band, die es ganz anders versucht.

"Dutzi Dutzi Dutzi / ganz genau nau nau" heißt es zum Start von Heile Welt. Und was klingt wie Ringelpiez für die Krabbelgruppe, ist ein Statement vom Hamburger Hip-Hop-Trio Deine Freunde, das sein blutjunges Publikum mit echter Musik beansprucht. Deshalb folgt auf "Hui Hippi-Hippi-Hop, yo yo yo" auch kein weiteres Seifenblasenblubbern, sondern "Scherz, keine Sorge, Deine Freunde klingen so!" Nämlich fett produziert und vor allem professionell, dabei kindgerecht, aber nie infantil.

Deine Freunde, das sind schließlich reale Rapper, die ihre Texte über lange Autofahrten, dicke Freundschaft oder nervige Spielplatzrüpel mit einem Bass unterlegen, der Kinderohren aus falscher Elternfürsorge oft vorenthalten wurde. Es gab zwar schon immer Gedröhn im Schongehege musikalischer Früherziehung. Die Kinderladenbande Balle, Malle, Hupe und Artur in den Siebzigern oder etwas milder: Rolf Zuckowski ein Jahrzehnt darauf. Doch Lieder, die dem Ernst des Lebens mit Humor begegnen und umgekehrt – lange eine Marktlücke.


Dort stießen Deine Freunde 2012 hinein. Wenngleich zufällig. "In unserer Kita hatten wir ständig dieselbe Musik", erzählt Florian Sump von seiner Arbeit als Pädagoge, "das wollte ich ein bisschen variieren". Also traf sich der frühere Schlagzeuger der Gruppe Echt mit Markus Pauli, Live-DJ bei Fettes Brot, und schrieb aus dem Bauch heraus den Song Schokolade übers großelterliche Laissez-faire bei der Enkelernährung. Die Kids waren begeistert. Als zwölf Stücke die Gunst der strengen Kita-Jury gefunden hatten, war das Album Ausm Häuschen fertig – und Kindermusik in Deutschland irgendwie nicht mehr dieselbe. Oder um es mit einer Zeile vom Nachfolger Heile Welt zu sagen: "Gerade eben war's kuscheliger / aber jetzt herrscht digge Luft Digger."

Deine Freunde singen zu harten, oft sperrigen, zusehends technoiden Beats, die den vermeintlich artgerechten Viervierteltakt gern sprengen. Mit Texten, die vom Leistungsdruck im Kinderzimmer (Einfach klein sein) bis in erweiterte Spaßzonen (Pyjamaparty) reichen. In Worten, die Sätzen wirklich Sinn verleihen. Die Band will also alles Mögliche: anregen, unterhalten, aufstacheln, Platten verkaufen. Nur eines will sie nicht, wie Lukas Nimschek beteuert: "Didaktisch sein." Also erziehen. "Schon gar nicht mit erhobenem Zeigefinger."

Wenn Nimschek, Moderator des Tigerentenclubs, also vom mal grauen, mal bunten Alltag Heranwachsender und ihrer Aufsichtspersonen singt, schildert er die Jugend in ein paar Farbnuancen mehr als Larissas Menschenkinder. Was allerdings nicht heißt, dass die Kleinen ständig auf der Suche nach maximaler Realität sind. Als Florian Sump das angesprochene Auftaktstück Attacke wie gewohnt in der Kita vorspielte, "nahmen die den Dutzidutzi-Einstieg zu Beginn ebenso ernst wie den Rap danach". Das Ironische fand die Zielgruppe also gar nicht so albern. Womit sich die Frage stellt: Wollen Kinder überhaupt gefordert werden oder sich einfach nur in der Ecke vorenthaltener Sachlichkeit entspannen?