Kotzbrocken. Dies war wohl der erste Eindruck vieler deutscher Rockfans von Mitch Ryder, am 7. Oktober 1979, nachts um zwei. Aus der Essener Gruga-Halle übertrug die ARD den legendären Rockpalast. South Side Johnny und Nils Lofgren hatten bereits gespielt, als der Fernsehmoderator Alan Bangs den volltrunkenen Top Act interviewte.

Mitch Ryder & The Detroit Wheels waren Mitte der sechziger Jahre Stars des harten Soul-Funk-Rock'n'Roll gewesen. Diese Zeit verging. Die Hippies überhörten Ryders Musik, das Pantheon der Woodstock-Generation nahm ihn nicht auf. Er stürzte ab. Nun begann er sein zweites Leben: mit öffentlichem Selbstmord.

Live auf Sendung belästigte Ryder die Freundin von Alan Bangs. Dann taumelte der Suchtbold samt seiner bedröhnten Band auf die Bühne und begann jene Show, die als Full Moon Concert berühmt geworden ist. Ein Enthemmter machte Kopfstand auf Messers Schneide. Ryder gockelte und tobte, er gurgelte Galle, er hauchte und schrie Liberty.

Schweißtriefend stieg er von der Bühne und setzte sich auf den Boden, zu den Rampenfreaks. Ein Saufdepp umarmte den vermeintlichen Kumpel, unter Lebensgefahr. Ryder lächelte, in seinen Augen glitzerte Gewalt. Er riss sich hoch und beschloss die Nacht mit Soul Kitchen. Es war, als sänge Jim Morrison aus seinem Grab.  

Die Rockpalast-Macher waren entsetzt und ließen es Ryder spüren. In den folgenden Tagen trafen Mengen begeisterter Zuschriften ein. Ryders Auftritt sei der Inbegriff des Rock'n'Roll gewesen: nicht Entertainment, sondern Existentialismus. Seither hat Ryder ein deutsches Fanvolk. Neue famose Platten erschienen auf Line Records Hamburg, seit 2002 bei Buschfunk in Berlin. Nicht in den USA. Das verletzt ihn. Dazu später.

Schönste Ost-West-Vereinigung

Am 18. Januar 1988 erlebten viereinhalbtausend Glückliche Mitch Ryder im Ostberliner Palast der Republik. Er war nüchtern. Sein Auftritt – dokumentiert auf dem Live-Album Red Blood, White Mink – geriet so magisch wie der von 1979. Im Frühling des Wendejahres 1989 besuchte ich für ein Interview Wolfram Bodag. Dessen ostweit berühmte Bluesband Engerling hatte gerade ihre Platte So oder so veröffentlicht, doch statt sein Produkt anzupreisen, schwärmte Bodi von Mitch Ryder. Engerling adaptierten Ryders Ain't Nobody White Can Sing The Blues. Das hörte Ryders deutscher Booking-Agent mit Verblüffung. Die Mauer fiel. Es begab sich die schönste Geschichte der Ost-West-Vereinigung: Engerling wurden zur europäischen Band von Mitch Ryder. Sieben Alben sind seither entstanden, und in jedem späten Winter touren Ryder & Engerling ausgiebig durch Deutschland. Derzeit läuft die zwanzigste Tournee.

Was hat sich geändert in all den Jahren?

Ryders blauschwarze Stimme ist weiter gedunkelt. Er hat neue Hüften, sein Songkatalog wuchs. Der Sänger schmolz in die Band wie diese in ihn. Nach vier Jahren, sagt Ryder. Nach zehn Jahren, sagt Bodag, hatte sich die große Aufregung gelegt, aber wir bleiben verschieden, jedes Jahr geht es neu los. Heute hält Ryder – früher karg mit Lob – seinen Ossis Bühnen-Elogen, doch anfangs kollidierten die Kulturen. Erste Probe. Fehler! Stop! Die Engerlinge rückten Stühle zusammen, packten Noten aus und debattierten. Der Mann aus Detroit war fassungslos ob solcher Seriosität.

Ryder ist ein sorgsamer Pfleger seines Gesamtwerks. In jedem Winter schickt er die Setlist über den Atlantik und lässt Bodags Leute das Anbefohlene einstudieren. Dann fliegt er ein, für fünf Wochen und zwei Dutzend Konzerte. In Halle oder Magdeburg geht es los und endet fast immer in der Kulturgießerei Schöneiche bei Berlin. Wien, Paris, Madrid wurden gleichfalls bespielt. In Bilbaos düsterer Altstadt sorgten sich die Engerlinge um ihren Bus. Man beruhigte sie: Dank der Eta werde niemand Zugriff wagen.


Trotz solcher Exkursionen bleibt Deutschland Ryders Künstlerheimat. Das ist sein Glück und sein Gram. In den USA gilt er als Altstar, der seine frühen Top-Ten-Hits aufzuführen hat: für immer Jenny Take a Ride und Devil With a Blue Dress On, in Package-Shows gestriger Sterne.

"Mitch, kennt dort niemand deine hiesigen Platten?"
"Sehr wenige Leute."
"Warum lässt sich das nicht vermitteln?"
"Weil Rock'n'Roll für Amerikaner nichts mit Kunst zu tun hat, sondern mit Jugend, Image, Sex. Mit Sehen, nicht mit Hören. Vom Talent her könnten Engerling ohne weiteres in Amerika auftreten. Unser Aussehen würde abgelehnt."

Heute lebt Ryder abstinent

Ryder erzählt, wie ihm John Mellencamp 1983 die Gunst erwies, sein Album Never Kick a Sleeping Dog zu produzieren. Mellencamp war ein Star, Ryder halb vergessen. Ultimativ zwang ihn Mellencamp, fast die gesamte Band auszutauschen gegen schlanke hübsche Musiker aus seiner Indiana-Clique.

"Mitch, aber es gibt doch gefeierte Senioren: die Allman Brothers, Dylan, Bonnie Raitt, Crosby, Stills & Nash ..."
"They are american bred. Eigene Geschichte und Erfolge werden verehrt, fremde nicht."

2011 veröffentlichte Mitch Ryder seine Autobiografie Devils & Blue Dresses. 2014 soll sie auf Deutsch erscheinen, doch auch die englische Originalausgabe ist nicht zu schwer zu lesen. Ungebügelt, ohne Ghostwriter, erzählt ein sprachmächtiger Bekenner von Aufstieg, Fall und Rekonvaleszenz eines heißhungrigen Egomanen. William Levise, so Ryders bürgerlicher Name, ist kleiner Leute Sohn, ein Kriegskind, Jahrgang 1945. Er giert nach Ruhm, Sex, Geld und Status im Spotlight-Milieu. Ihm fehlt der moralische Kompass. Er verdient Millionen und verliert sie an sein Management. Er stürzt in bitterste Armut. Er überlebt brennende Demütigungen und zwei Ehehöllen, die er selbst beheizt. Seine gewalttätige Band Detroit nennt er eine Bande von Kriminellen. Eine Frage durchzieht das gesamte Buch: What is love? Sie bleibt unbeantwortet, solange Ryder meint, nehmen sei seliger als geben.

Heute lebt er abstinent. Wir sprechen in seiner Garderobe im Berliner Frannz-Club. Herein kommt Megan, seine dritte Frau. Ryders Buch enthält die Faksimiles verzweifelter Megan-Briefe, in denen der Gatte als ichsüchtiges Monster erscheint. "I am through", schreit Megan vom Papier, doch sie blieb. Seit Jahren begleitet sie ihn auf den Tourneen.

Soeben wurde Mitch Ryder 69 Jahre alt. Seit Menschengedenken feiert er seinen Geburtstag vor deutschem Publikum. Da steht es, zumeist angejahrt, lauscht und besinnt die Wechselfälle des eigenen Lebens. Der älteste Fan ist Bodi Bodags Vater, Jahrgang 1929. Bodi orgelt, die Gitarren von Heiner Witte und Gisbert Piatkowski verflechten die schwebenden Akkorde von Freezin' In Hell, die schäumenden Riffs von All Along The Watchtower. Ryder schöpft aus dem Dunkel seines Herzens. Zwischen den Songs spricht er über Liebe, Wahn und Wut, über Politik und Menschheitsfragen. Dann annonciert er das weltsensationelle Solo des Wunderbassisten Manne Pokrandt. Nach zweieinhalb Stunden schlägt der Drummer Ronny Dehn den Puls von Soul Kitchen. Ryder atmet aus. "Clock says it's time to close now ... Aber wir kommen wieder."