Es war eine gespenstische Aufführung am Sonntag im Münchner Nationaltheater, dem Tag des Krim-Referendums. Gleich zu Beginn von Modest Mussorgskis düsterem Zarendrama Boris Godunow demonstrieren Menschenmassen auf der Bühne, die von martialischen Sicherheitskräften in Schach gehalten werden. Als eine Demonstrantin ein Plakat mit dem Konterfei des russischen Präsidenten Wladimir Putin hochhält, geht ein Raunen durchs Publikum. Obwohl die Inszenierung des Spaniers Calixto Bieito schon ein Jahr alt ist, traf das Bild, das an den Kiewer Maidan erinnert, ins Schwarze. 

Dirigiert wurde die Aufführung erstmals von Kirill Petrenko, dem neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Petrenko ist Russe und musste jüngst auf einer Pressekonferenz natürlich auch eine Frage zur Krim-Krise beantworten. Er sagte, was die hiesige Öffentlichkeit von ihm erwartete: Es sei "alles andere als normal", was dort passiere; er hoffe auf eine "politische Lösung, die die Souveränität der Ukraine nicht antastet". 

Petrenkos künftigem Münchner Kollegen Valery Gergiev, dem designierten Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, wäre solch ein Satz wohl nicht über die Lippen gekommen. Er lässt sich lieber von Putin Orden an die Brust heften – und unterschrieb vor einer Woche einen Unterstützer-Appell für Putins aggressives Vorgehen auf der Krim. Auf der Liste der patriotisch gesinnten Künstler findet man auch den bekannten Bratschisten Juri Baschmet. Anna Netrebko ist nicht darunter.

Nähe zu Putin nie verheimlicht

Gergijews Polit-Aktion hat die Philharmoniker, eines der renommiertesten Orchester Deutschlands, erneut in die Krise gestürzt. Schon im vergangenen Dezember gab es in München Proteste gegen den langjährigen Chef des St. Petersburger Mariinski-Theaters und international tätigen Dirigenten, weil ihm diskriminierende Äußerungen gegenüber Homosexuellen vorgeworfen wurden. Auf einer denkwürdigen Pressekonferenz gelang es Gergijew nicht, das negative Bild zu zerstreuen. Im Gegenteil: Seine Einlassung, Kinder sollten sich lieber mit Puschkin und Tschaikowsky als mit den Problemen sexueller Minderheiten beschäftigen, schürte die Kritik noch. 

Gergijew hat aus seiner Nähe zu Putin und dessen System nie einen Hehl gemacht. 2008 hatte er im Konflikt zwischen Georgien und Russland für seine Heimat Partei ergriffen und in den Ruinen der südossetischen, bis heute international nicht voll anerkannten "Hauptstadt" Zchinwali ein Konzert gegeben. 

Spekulation über Vertragsauflösung vor Amtsantritt

Die Stadt München hält sich bedeckt. Man wolle die private, politische Meinung Gergiev nicht kommentieren, lautet die Sprachregelung bei den Philharmonikern und im Kulturreferat. Die Sprecherin von Kulturreferent Hans-Georg Küppers wies vorsichtshalber darauf hin, wie wichtig ihrem Chef die Meinungsfreiheit sei. Trotzdem steht ein Wunsch der Stadtratsgrünen nach einer Aussprache zwischen Küppers und Gergijew im Raum. Gergiev müsse sich "erklären", fordern die Grünen. Wenn er sein Vorgehen unverändert für richtig halte, "ist er als Chefdirigent unserer Philharmoniker untragbar geworden". 

Auch in der Münchner Presse wird schon darüber spekuliert, ob und wie der Vertrag mit Gergiev schon vor dessen Amtsantritt im Jahr 2015 wieder aufgelöst werden könnte. Für die Philharmoniker ist das keine schöne Situation. Seit dem Tod ihres Übervaters Sergiu Celibidache hatten sie wenig Glück mit ihren Chefs. Zuletzt machte das Zerwürfnis mit Christian Thielemann Schlagzeilen.