Es ist erstaunlich, dass von dem Wörtchen Pop noch immer ein helles Leuchten ausgeht. Auch dem Pop an sich wohnt nach wie vor ein großer Zauber inne – trotz aller Schrammen und Beulen, die er sich in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten zugezogen hat: von den Kids, die eben nicht mehr "alright" sind, über die Loveparade-Auswüchse und -Tragödien bis hin zu der fast schon totalitären Allgegenwart der Popkultur. Insofern klingt es verheißungsvoll, wenn ein Buch im Titel verspricht, gleich die ganze Geschichte des Pop zu erzählen. The Story of Pop: Wenn da nicht, bei aller zu erwartenden kritischen Analyse, eine Menge Glamour und Glitter abfällt!

Der Autor dieser Popgeschichte, Karl Bruckmaier, Jahrgang 1956 und einer der besten, versiertesten Popkritiker des Landes (der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Bayerischen Rundfunk arbeitet), warnt jedoch gleich im Intro.

Seine Geschichte sei auch "ein Schaben und Kratzen. Ein Jaulen und Heulen und Zähneknirschen". Überhaupt gebe es "gutes Schreiben über Pop" nicht umsonst oder "zum Listenpreis": "Ein bisschen muss man sich schon anstrengen, ein bisschen was muss man mitbringen, ein bisschen was muss man sich bieten lassen."

Es begann mit Ziryab, einem schwarzen Musiker aus Bagdad

Genau so verhält es sich hier. Bruckmaier erzählt eine sehr eigenwillige Geschichte des Pop, eine nicht immer ruhmreiche, alles andere als glamouröse zumal. Datiert die gewissermaßen traditionelle Popgeschichtsschreibung die Anfänge in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, verlegt Bruckmaier diese überraschenderweise ins Cordoba des 9. Jahrhunderts. Hier wurde ein schwarzer, aus Bagdad stammender Musiker namens Ziryab zum "Herrn über zehntausend Lieder". Ziryab brachte aus Bagdad nicht nur ganz neue Klänge mit nach Europa, persische und indische Musik; er fügte der arabischen Laute zudem eine fünfte Saite hinzu und zupfte diese nicht mehr mit einem Stück Holz, sondern mit dem Federkiel, auf dass die Musik sanfter, schöner und wohlklingender werde.

Bruckmaiers Story of Pop ist zunächst vor allem eine der Migration, der freiwilligen wie der unfreiwilligen, über Jahrhunderte hinweg. Nach Ziryab kommen die Sklaven aus Afrika, die sich in den arabischen und spanischen Herrschaftsgebieten verdingen müssen und schlimmer als Tiere behandelt werden. Aber sie haben ihre Musik und vermögen ihre musikalischen Einflüsse auszuüben. "Und haben wir hier nicht schon einen ersten Fingerzeig für die Grundbedingungen von Pop?", fragt Bruckmaier. "Europa plus Afrika plus ein unerwartet sich öffnender Freiraum am anderen Ende der Welt?"

Noch weit entfernt davon, ein Popsehnsuchtsort zu sein, entwickelt sich laut Bruckmaier Amerika, diese neue, aber für viele doch sehr unfreie Welt, zum Zentrum und zur Kraftquelle dessen, was wir heute unter Pop verstehen. Prägend dabei: die unselige Geschichte der Sklaverei, das unablässige Aufeinanderprallen von Schwarz und Weiß, das sich stets auch musikalisch Ausdruck verschafft. Die afrikanische, später afroamerikanische Trommel sorgt für das Grundrauschen in diesem Buch – sie ist mal Figur, mal Motiv, vielleicht gar die geheime Erzählerin. Die Trommel wird zur Zeugin der Sklaverei, sie verändert die Musik der Weißen, verwandelt sich in ein Grammofon oder sendet auf amerikanischen Soldatensendern. Am Ende landet ihr Rhythmus als Software in den Rechnern.

Aber lange bevor sich die Rolling Stones aus Großbritannien des afroamerikanischen Blues bemächtigen und der weiße Rock ‘n‘ Roll mit einem schwarzen Beat seinen Siegeszug um die Welt antritt, lange bevor der Teenager zur eigenständigen Popfigur und zahlungskräftigen Hauptzielperson der Musikindustrie wird, entwickelt sich ein ständiger musikalischer Transfer: in Form von Minstrel-Shows und Black Facing, von schwarzem Jazz und weißem Country, von Flappern und Bowery-Kids, von Irving Berlin und Robert Johnson. Kurzum: Es gab im Pop zahlreiche Vermengungen und Umschlingungen, wie Karl Bruckmaier in vielen seiner 61 Kapitel ausführt.

Es gab Lou Reed, der sagte: I wanna be black. Und Miles Davis, der sagte: I wanna be white. Und es gab Figuren wie eben den 1888 geborenen Irving Berlin, der Lieder wie White Christmas oder There’s No Business Like Showbusiness geschrieben hat, Lieder, die laut Bruckmaier "zur kulturellen DNA jedes Menschen in der westlichen Zivilisation gehören". Es gab den Count-Basie-Entdecker, Talentscout und Produzenten John Hammond, den frühen Musikindustrieboss Ahmet Ertegun – oder Hugh Hefner, der ja nicht nur den Playboy gründete, sondern auch ein noch heute existierendes Jazz-Open-Air-Festival ins Leben rief.

Bruckmaier weiß um das Diskursive von Pop, ohne es ständig zu bemühen

Vielen von ihnen widmet Bruckmaier ein Extrakapitel, und natürlich haben in dieser Story of Pop auch Elvis, die Beatles, Bob Dylan, der Sommer der Liebe oder Punk und Disco ihre Kurzauftritte. Aber eben anders, mehr von der Seite, mehr im trauten Miteinander mit einem Musiker wie beispielsweise Alex Chilton, der mit seinen Bands Box Tops und Big Star seinerzeit einer der ganz Großen zu werden schien, es jedoch nie wurde.

Originell und irritierend

Allein, wie der Autor das Jahr 1968 aus den verschiedensten Perspektiven betrachtet, als eine Mischung aus Pop und Politik, die sich gegenseitig bedingen, ist originell und irritiert im guten Sinne. Bruckmaier erzählt aus brasilianischer Perspektive (hier eine Quasimilitärdiktatur, dort die sogenannte Tropicalia, Afrosamba und Musica Popular Brasileira, aus tschechoslowakischer Sicht (hier die russischen Panzer, dort eine verbotene Undergroundband wie die Plastic People) oder auch aus deutscher Warte mit der 68er-Revolte und der Hippiebewegung, vor deren Hintergrund etwa die Internationalen Essener Songtage gegründet wurden.

Pop sei für ihn, so führt Bruckmaier einmal aus, "die Dinge anders zu denken". Das spürt man in vielen seiner Episoden. Sei es, dass er Pop als Hervorbringung sowohl von Überpriviligierten als auch von im Leben zu kurz Gekommenen bezeichnet, als etwas Elitäres und zugleich als Massenprodukt. Sei es, dass er die Dinge eben auch anders erzählt und den ein oder anderen autobiografischen Schlenker für seine Diagnosen nutzt. Oder sei es, dass Bruckmaier fast wie aus dem Nichts eine seltsame Generalabrechnung mit dem Hip-Hop seit den neunziger Jahren vornimmt. Zumindest in diesem Fall muss einiges an ihm spurlos vorübergegangen sein, wenn er im Hip-Hop nur Goldketten, Frauenfeindlichkeit und schlimmste neoliberale Auswüchse sieht.

Diederichsen analysiert, Bruckmaier erzählt Geschichten

Was ebenfalls nicht zu kurz kommt, sind die sich im Lauf des 20. Jahrhunderts stetig verändernden Popproduktionsmittel, angefangen von den sogenannten Coin-ups, dem Prototyp der Jukebox, über die Schellackplatten und das Grammofon bis hin zum Radio. "Pop braucht die Maschine. Und die Menschen, die Maschinen verkaufen wollen, können Pop gut gebrauchen."

Doch, man muss sich schon hineinarbeiten in dieses Buch, muss bereit sein, sich einiges bieten zu lassen, nichts Unerhörtes, aber eben landläufig eher wenig Bekanntes. Es schillert auch schön bunt hier, wie in einem Kaleidoskop. Und anders als in dem anderen großen Popbuch dieses Frühjahrs, Diedrich Diederichsens Abhandlung Über Pop-Musik, kommt die Theorie in der Story of Pop an hinterer Stelle. Bruckmaier weiß um das Diskursive von Pop, ohne es ständig zu bemühen. Wichtiger sind ihm die Menschen und die Geschichten,die persönliche Integrität und die Momente des Glücks, die Pop einem verschaffen kann.

Was ebenfalls anders ist als bei Diederichsen, dessen Betrachtung der vergangenen 50, 60 Jahre des, sagen wir, klassischen Pops eher etwas Abschließendes hat: Bei Bruckmaier sind die Popdinge im Fluss. Trübsal blasen gilt nicht. Hier der chinesische Kleinstplattenladenbetreiber, dort die Allesverfügbarkeit und auch Allesproduzierbarkeit durch das Internet – für Karl Bruckmaier ist das kein Gegensatz, sondern der Beweis für das Langlebige, Überzeitliche von Pop.

Der Pop bleibt ein Faszinosum – und mit ihm lässt sich auch in Zukunft schön arbeiten.

Erschienen im Tagesspiegel