Eine Zeit lang durfte sich Aram Sargsjan als Sieger fühlen. Der armenische Sänger und Komödiant, der unter dem Künstlernamen Aram Mp3 auftritt, galt über mehrere Wochen als Favorit des Eurovision Song Contest. Seinen Titel Not Alone, dessen ruhiges Klavierspiel nach zwei Minuten von harten Dubstep-Beats gebrochen wird, sahen die Buchmacher als Gewinnerlied in Kopenhagen.

Doch das ist fast schon ESC-Geschichte. Am Tag des Finales ist Aram längst nicht mehr in aller Munde. Verdrängt von Platz 1 auf 4, zählt Not Alone höchstens noch zum erweiterten Favoritenkreis. Andere haben – teils überraschend – erheblich aufgeholt. Allen voran das Duo Common Linnets aus den Niederlanden: Ilse de Lange und Waylon mit ihrer bluegrasigen Countryballade Calm after the storm hatte vor Beginn des Grand Prix niemand auf dem Zettel. Die niederländischen Fans befürchteten sogar, die Nummer könnte zu ruhig sein, um überhaupt weiterzukommen.

Nach dem ersten Halbfinale, in dem sich auch die Common Linnets als einer von zehn Acts fürs Finale qualifizierten, war Calm after the storm unter den ESC-Fans in der dänischen Hauptstadt Tagesgespräch. Die Niederlande schossen bei den Buchmachern nach dem ersten Halbfinale nach oben, erst auf Platz 5, inzwischen werden sie auf Rang 3 geführt. 


Wurst könnte ESC-Geschichte schreiben

Eine potenzielle Gewinnerin des Wettbewerbs kommt aus Österreich. Am Donnerstagabend in der B&W-Halle in Kopenhagen lautstark bejubelt, könnte die Kunstfigur Conchita Wurst tatsächlich Eurovisionsgeschichte schreiben – als erste siegende Dragqueen. Tom Neuwirth hatte Conchita vor ein paar Jahren erschaffen, nachdem er bei einer Castingshow in Österreich ausgeschieden war und ihm die Jury dort bekundet hatte, er singe zu feminin. Also hinein ins glitzernde Abendkleid, Make-up aufgesetzt, Nägel lackiert. 2012 kam er als Conchita Wurst wieder, wurde beim damaligen ESC-Vorentscheid in Wien Zweiter. Dieses Jahr nominierte ihn der ORF direkt. 

Wie keine andere repräsentiert Conchita Wurst die überwiegend homosexuelle Fanbase des Eurovision Song Contest. Sie steht für Vielfalt, Akzeptanz und die gewisse Portion Schrillheit, die dem Wettbewerb eigen ist. Entsprechend wurde ihr Einzug ins Finale am Donnerstagabend umjubelt. Während des Auftritts tobte das Publikum, es gab spontanen Szenenapplaus mitten in ihrem James-Bond-haften Lied Rise like a phoenix


Reicht dieses Momentum bis zum Samstagabend gegen 23 Uhr, wenn das Televoting zu Ende geht? Kann eine Dragqueen, die auch noch Bart trägt, wirklich die Massen an den Bildschirmen überzeugen – vor allem in Osteuropa, in Ländern wie Russland, Weißrussland, der Ukraine oder Aserbaidschan, die alle auch am Eurovision Song Contest teilnehmen? Nach dem Halbfinale ging in Kopenhagen das Gerücht um, Weißrussland habe sich beim dreiminütigen Auftritt von Conchita Wurst kurzzeitig ausgeblendet – die European Broadcasting Union (EBU) als Ausrichter dementierte das umgehend.