Musiker kommen und gehen. Für ein paar Jahre spielen sie sich die Seele aus dem Leib, werfen alte Traditionen um und stoßen neue an, bevor sie in die Routine zurücktreten. Pat Metheny ist geblieben und flößt anderen die Idee einer Verausgabung ein, die alles andere als selbstzerstörerisch erscheint. Man könnte nicht unbedingt behaupten, dass er heute, drei Monate vor seinem 60. Geburtstag, besser spielt als vor 20 Jahren, aber er hat sein Terrain mit seltener Neugier erweitert. Die im Stahl seiner akustischen Gitarren silbrig schimmernden Soloaufnahmen, die spielerische Befehligung des gigantischen Orchestrions, einer ausschließlich mit natürlichen Klängen operierenden Musikmaschine, oder zuletzt die Hommage an die Splittersounds des Komponisten John Zorn im Book of Angels – all das lässt den Gefälligkeitsbombast, dessen man ihn gerne zeiht, weit hinter sich.

Rein technisch sind ihm viele auf den Fersen. Eine Generation jünger hat sich der in Berlin lehrende Kurt Rosenwinkel als stilprägender Gitarrist etabliert. Noch eine Generation weiter spielen Julian Lage und Gilad Hekselman mit einer so unfassbaren Virtuosität und Musikalität, dass man nur von einer Blüte des Jazz sprechen kann. Doch noch kann keiner von ihnen beanspruchen, auch kompositorisch so weit vorgedrungen zu sein wie Metheny: Mit Kin (Nonesuch Records), dem unlängst veröffentlichten zweiten Album der Pat Metheny Unity Group, beerbt er die große Form der von Steve Reichs pulsierender Minimal Music inspirierten Suite The Way Up.

Den langen Weg dorthin zeichnet auch das fast dreistündige Konzert im Berliner Tempodrom nach, mit einer Band, die sich nach einem solistischen Nylonsaiten-Intro und einer harfenistisch aufrauschenden Schwelgerei auf der 42-saitigen Pikasso-Gitarre, erst einmal selbst Beine macht, bevor sie sich ans Orchestrale wagt. Was Metheny, Schlagzeuger Antonio Sanchez, Saxofonist Chris Potter und Bassist Ben Williams zunächst als stürmisches Quartett veranstalten, ist mehr oder weniger das, was sie auf allen Stationen ihrer dicht getakteten Europatournee präsentieren. Ein paar Reprisen aus dem ersten Unity-Album, dazu ein Metheny-Evergreen wie James.

Duell zwischen Metheny und Sanchez

Nur während sie in ihrem Reisealltag an Gleichförmigkeit ersticken müssen, weht hier von Anfang an ein herrlich frisches Lüftchen. Auch die Professionalität der eingeschworensten Truppe allein kann es nicht herstellen. Das geht nur mit Spielfreude. Wenn sie auch nichts völlig Unerwartetes hervorbringt, so kann sie in dem Hochdruckmodus, der hier herrscht, doch darauf bauen, dass sich keiner lumpen lassen will. Und so ist das kleine Duell, das sich Metheny und Sanchez in James wohl jeden Abend liefern, ein geradezu ekstatisches Hin und Her, dessen Höhepunkt ein eigentümlich verschlepptes, Tempo auf- und wieder zurücknehmendes Schlagzeugsolo ist.

Dann die Aufführung von Kin. Zu ihr gesellt sich noch Multiinstrumentalist Giulio Carmassi, der vom Flügel über die Trompete bis zum Gesang für alle Extrafarben zuständig ist, die nicht von den Orchestrion-Teilen am Bühnenrand übernommen werden. Da stehen Perkussionsapparate, ein riesiges Glockenspiel und wie Orgelpfeifen angeordnete Flaschen wie aus dem Apothekerschrank, die mechanisch beblasen werden und flötenartige Akkorde erzeugen. Kin besitzt schon wegen der Heterogenität seines Materials nicht die Geschlossenheit von The Way Up. Aber in einem der stärksten Stücke, dem viertelstündigen On Day One, zeigt sich schon Methenys Kunst, aus einer Handvoll rhythmischer und melodischer Elemente ein bruchlos mehrsätziges Stück zu konstruieren, das sich am Ende, unter Carmassis kontrapunktisch geführter Vokalise, zu hymnischer Majestät aufschwingt.

Die Jazzwelt hat sich gedreht

Das Ganze ist Metheny pur: variantenreich in der Abwandlung polyrhythmischer Konzepte, wie er sie 1984 in einem intuitiv sofort einleuchtenden, doch schwer zähl- und memorierbaren Klatschpattern in der Titelkomposition seines Albums First Circle zu einem ohrwurmhaften Klassiker entwickelte. Live wird es verlustlos reproduziert, lediglich garniert mit einigen Soli, aus denen neben Metheny, der regelmäßig zur Synthesizer-Gitarre wechselt, auch Chris Potter als prägende Stimme dieser Band hervorsticht. Die Komplexität der Anlage erlaubt keine größere Abweichung. Der Metheny dieser Formen ist nicht notwendig fortgeschrittener als der Jazzgitarrist, der im Duo mit Chris Potter aus Jerome Kerns unverwüstlichem All the Things You Are boppige Girlanden schlingt oder im Duo mit Ben Williams die eigenen Anfänge zitiert, indem er die Titelkomposition seines ersten Albums Bright Size Life zu neuem Leben erweckt. Die erste nachweisbare Aufnahme findet sich auf einem Bootleg aus Pooh’s Club in Boston von 1974, damals mit Jaco Pastorius am Bass und Bob Moses am Schlagzeug. Damals war Metheny 19.

Dennoch sollte man nicht übersehen, dass sich die Jazzwelt seitdem einige Male gedreht hat. Mit Produktionsstandards, die die Klangmacht von Aufnahmen wie Kin erst möglich gemacht haben, sind auch die Ausbildungsstandards gewachsen. Während bis in die siebziger Jahre viele der größten Jazzer jenseits von Privatunterricht ihre Fähigkeiten oft nur in der Praxis erwarben, begann mit Musikern wie Metheny, der das berühmte Berklee College of Music besuchte, eine Professionalisierung auf breiter Ebene. Auch die federnde Hyperpräzision von Drummer Antonio Sanchez, gleichfalls Berklee-Absolvent, lässt sich – verglichen mit genialen Autodidakten wie Tony Williams oder Elvin Jones – ohne sie nicht denken.

Metheny ist inzwischen selbst Lehrstoff, und jede zweite Collegeband versucht sich mittlerweile an Klassikern wie dem in Berlin gespielten Have You Heard. Es lädt zum Mitsingen ein und entpuppt sich dann doch als vertrackt. Wie zu Kin sind auch davon längst die Noten erschienen. Es muss Pat Metheny mit Genugtuung erfüllen, dass damit höchstens ein Geheimnis seiner Musik gelüftet ist. Wie sie auf die richtige Betriebstemperatur kommt, weiß er selbst immer noch am besten. Darin liegt auch das Glück eines solchen Abends.

Erschienen im Tagesspiegel