Bayreuther Festspiele: Ein Rollkoffer verlässt Bayreuth

Unser Wagnerblogger muss den "Holländer" erstmal verarbeiten – im Zug zurück nach Berlin. Jetzt wollen die letzten mittelgroßen Fragen beantwortet werden.
Richard Wagner in Bronze © Johannes Simon/Getty Images

  • Sonntag, 10.50 Uhr: Schluss jetzt. Tschüss. Nächster Halt dann Berlin. Und am Dienstag gibt's die ausführliche Reportage zur Beantwortung der letzten, großen oder mittelgroßen Fragen. Zum Beispiel: Echt wahr, dass Baudelaire aus Bescheidenheit Wagner nie seine Adresse verriet? Sowas.


  • Sonntag, 10.45 Uhr: Ganz dahinten, das ist das Festspielhaus. Alles ist ruhig. (In welchem Fach sänge wohl ein Rollkoffer? Heldentenor oder Koloratursopran?)


  • Sonntag, 10.38 Uhr: Und dann steht man wieder am Bahnhof und fragt sich, ob man sich das noch einmal antun möchte. Es war nicht so schlimm, wie gedacht. Gleichwohl nicht so ergreifend, wie man gehört hat. Kommt das noch? Der Rollkoffer erinnert an einen jedenfalls an die Szenerie im Holländer, allerdings wirkt er am Bahnsteig passender als auf einer Opernbühne. Vielleicht fängt er ja noch an zu singen? "Bay, bay, Bayreuth."

  • Sonntag, 10.14 Uhr: Der Rollkoffer ist fast gepackt, dazu unfrohe Botschaften aus der FAZ, dass dieses Jahr in Bayreuth etwas fehle, "ein handfester Streit, ein kleiner Hakenkreuzskandal, ein fristloser Rauswurf, eine einstweilige Verfügung oder etwas anderes, was den Ruf der Festspiele, sie stünden im Fokus des nationalen oder gar internationalen Interesses, kräftigen könnte". Demnächst darf ja der Selbstdarsteller-Darsteller Jonathan Meese in Bayreuth mitmachen. Dann dürfte zumindest der kuriose Bedarf nach Hakenkreuzskandalen oder ähnlichen Scherzen gedeckt sein.

  • Sonntag, 9.23 Uhr: Es gibt sicherlich angenehmere Dinge als ein Kaffee, der nach Altöl schmeckt und Croissants, die eher die Konsistenz eines Umzugskartons haben, aber ein Hotelfrühstück sollte man schicksalsergeben ertragen. Was bleibt einem auch übrig? Man kann ja sonst rausgehen.
    Bayreuth hat man an einem Sonntag um kurz vor acht fast für sich allein. Es ist so leise, dass man Angst bekommt, die Stadt zu wecken. Man geht unwillkürlich auf Zehenspitzen. Nichts hat geöffnet. In einer Seitengasse entdeckt man das Geburtshaus des Nihilisten Max Stirner, oder das, was davon übrig ist. Jetzt steht dort eine Parfümerie, obendrüber ist eine Nachhilfeschule, von fern rauscht der künstliche Bach durch die Fußgängerzone, die aussieht, wie Fußgängerzonen eben aussehen.
    Wagner liegt noch schwer im Kopf und im Magen. In einer Schaufensterauslage stehen diese kleinen Wagner-Figuren zum Verkauf, auch Wagners Hund als orginalgroße Plastik (300 Euro) kann man sich in den Garten stellen. Bald geht's zum Bahnhof.

  • Samstag, 22.28 Uhr: So endet dieses Blog für heute, mit der Bayreuther Nacht und vielleicht sogar etwas Stille.

  • Samstag, 22.10 Uhr: Muss man auch erstmal schaffen, sich in Bayreuth zu verlaufen. Aber nun ist es geschafft. Wie prosaisch plötzlich die Geräuschkulisse wird nach so einem Abend: Aus einer Eckkneipe mayonaist ein "Stern, der deiiiiinen Naaaaaamen trägt", was gewissermaßen wie die Discountversion von "Wie hell du einstens strahltest, hehrer Stern der Tiefe!" (Götterdämmerung) klingt. Auch der Fluch-der-Karibik-Soundtrack aus einem fahrenden Auto (kein Porsche, aber er fuhr auch vorbei, siehe unten) kann mit dem Fliegenden Holländer nicht mithalten, obschon da bei Johnny Depp ja so ein untoter Kapitän vorkommt. Während mancher Arie dacht ich zwar "Zur Not würde ich jetzt auch Scooter hören", aber wenn das dann tatsächlich läuft: So verzweifelt kann ich gar nicht gewesen sein.


  • Samstag, 21.33 Uhr: Statusmeldung: 10 Minuten, 1 Daumen, 7 Porsches, alle haben eher beschleunigt als gebremst.

  • Samstag, 21.27 Uhr: Nachtrag. Der Weg ist weit. Daumen raus. Vielleicht hat ein Porschefahrer Erbarmen.

  • Samstag, 21.25 Uhr: Indes: Man hat den Regen verpasst, draußen auf dem Hügel riecht die Luft, wie sie schöner nicht riechen könnte. Wie schnell er sich leert! Unter den Baldachinen kaum noch ein Mensch, kein Champagner mehr, nichts. Aber womöglich kennt man die Aftershow-Location nur nicht. So spaziert man die leere Straße herunter in die Stadt. Wartet aber brav vor jeder roten Ampel. Aus Liebe zum Punk.

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Über Richard Wagner kann man ja schon gar nichts mehr sagen. Aber jetzt ist man hier: Bayreuth. Stadt des Meisters, wie ihn seine Fans nennen, die sich wiederum Wagnerianer nennen, was im Klassikmilieu erstaunlich ist, denn von Bachianern oder Verdianern hat man bisher wenig gehört. Womöglich nennt sich auch gar niemand mehr so; vermutlich ist das genauso eine Legende wie das Bild des Festspielbesuchers, der ja vor allem ein Macher und Verdiener ist (Movers and Shakers hieß das mal in den nuller Jahren, aber wahrscheinlich nur in Berlin, wo man das glücklicherweise auch wieder vergessen hat), der sich hier einmal im Jahr an Wagner erfrischt.

Das wird hier in den kommenden drei Tagen alles überprüft. Erste Porschekolonnen sind jedenfalls zugegen. Das Wetter ist übrigens kaiserlich. Von der Wildschweinplage, die Teile von Bayern "bedroht", wie es im Radio hieß, nichts zu sehen. Wohlan.

Kommentare

69 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Durch Sturm und bösen Wind verschlagen?

Na, das ist ja mal eine tolle Idee! Ein Live-Blog zu den Festspielen in Bayreuth.
Und Sie, Herr Hugendick, sind dabei, also davor - mittendavor. Und gleich hatte es eine gravierende technische Panne. Ich muß doch nicht ins Grübeln kommen?
Mal eine Frage: Sind Sie so textsicher, oder haben Sie etwa C&P eingesetzt? So ganz im klaren bin ich mir nämlich noch nicht, ob Sie wohlige Wonne verspüren, wenn des Meisters holde Klänge (noch durch des Festspielhauses Mauern) erschallen. Sie sind doch nicht strafversetzt worden?
Wenn ich es richtig verstanden habe, werden Sie morgen indoors dem Holländer beiwohnen. Ich wünsche ein aufregendes Erlebnis, ich jedenfalls beneide Sie schon jetzt darum.

Grüsse an Frau Maischberger, mit jener gehen Sie doch später sicher noch in der Gaststätte Zum grünen Stab einen trinken, nicht wahr?