Selbst optisch sind die Rollen klar verteilt. Tom Berninger, der ehemals nichtsnutzige Bruder, ist inzwischen 34, trägt aber immer noch Turnschuhe, Jeans und Holzfällerkaros, darunter wahrscheinlich ein Metal-Shirt. Sein Bruder Matt ist neun Jahre älter und neunmal so gut angezogen. Weste, Hemd, Bügelfalte: Den Sänger von The National umgibt auch im Interview über den Film Mistaken For Strangers die Aura eines Rockpoeten und Überzeugungsdandys.

ZEIT ONLINE: Tom Berninger, haben Sie bewusst einen Film über das Scheitern gedreht?

Tom Berninger: Es geht in Mistaken For Strangers darum, wie ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas zu Ende bringe. Dazu musste ich die Angst vor dem Scheitern überwinden. Als ich die Band meines Bruders auf Tour begleitet und gefilmt habe, gab es natürlich auch hässliche, deprimierende Momente. Es ist Material entstanden, das nur schwer zu ertragen ist. Dieses Material hat es nicht nur in den fertigen Film geschafft, der Film zeigt auch, wie es dazu kommen konnte. Er legt seinen Entstehungsprozess offen, und das hätte wohl ganz schön ins Auge gehen können. Aber wer sich vornimmt, etwas Wichtiges zu erschaffen, muss die Möglichkeit des Scheiterns mit einkalkulieren.

Matt Berninger: Die Wahrheit ist, dass Mistaken For Strangers nur zu einem guten Film werden konnte, weil Tom immer wieder versagt hat. Wir nahmen ihn mit nach Europa und machten ihn zum Assistenten unseres Tourmanagers. Wäre Tom darin nicht so schlecht gewesen, hätten wir ihn nicht gefeuert und seinem Film fehlte die entscheidende Wendung. Scheitern ist also nicht schlimm. Fehler sind Zwischenschritte auf dem Weg zum Erfolg.

ZEIT ONLINE: Als Dokumentation über die Band The National scheitert Mistaken For Strangers grandios. Nach etwa 45 Minuten sortiert sich der Film neu und rückt ihr Verhältnis zueinander in den Fokus.

Tom Berninger: Matts Frau Carin brachte mich auf diese Idee. Um den Film fertigzustellen, zog ich zu den beiden nach Brooklyn. Dort kämpfte ich zwei Jahre lang damit, den Film zu schneiden, während sie mir über die Schulter blickte. Es war Carins Vorschlag, den Schwerpunkt des Films zu verschieben. Und sie bestand darauf, nichts zu beschönigen. Zum Glück hatte ich all meine Besäufnisse, Weinkrämpfe und sonstigen Verfehlungen gefilmt.


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In seiner fertigen Form erinnert der Film an den Ablauf vieler Auftritte von The National. Matt, finden Sie auch im Konzert erst über den Kampf ins Spiel?

Matt Berninger: Manchmal betrete ich die Bühne und weiß bereits, dass es heute schwierig wird, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Irgendetwas stimmt dann einfach nicht in meinem Gehirn. Als Band haben wir früh gelernt, dass zu einem guten Konzert – und übrigens auch zu guten Platten – Momente der Erniedrigung gehören. Deshalb machen mir misslungene Shows heute nicht mehr so viel aus. Sie passieren ständig, und ich denke, man muss einen gewissen Respekt vor dieser Art des Scheiterns entwickeln. Nur so kann man die Möglichkeiten erkennen, die sich daraus ergeben.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie in der erfolglosen Anfangszeit von The National jemals das Gefühl, der Sänger einer gescheiterten Band zu sein?

Matt Berninger: Ständig. Es gibt wohl keinen Maßstab, nach dem man unsere ersten fünf Jahre als Erfolg verbuchen könnte. Wir wollten Interpol sein oder die Strokes, aber wir kamen nicht vom Fleck. Erst als wir unsere traurigen, erniedrigenden Erfahrungen in die Musik einfließen ließen, merkten wir, dass schlechte Erinnerungen ziemlich gute Songs sein können.

ZEIT ONLINE: Gegen Ende des Films erzählt Ihre Mutter, sie habe Tom immer für das kreativste und begabteste ihrer Kinder gehalten. Matt, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie diese Szene zum ersten Mal sahen?

Matt Berninger: Es hat mir nichts ausgemacht, weil es stimmt. In Toms Gehirn treffen viel verrücktere kreative Impulse aufeinander als in meinem. Ich glaube, diese Szene bereitet ihm größere Probleme als mir.

Tom Berninger: Ich fand die Aussage unserer Mutter ein wenig herablassend und gönnerhaft. Eltern sollten nicht so über ihre Kinder sprechen. Natürlich wollte sie damit mein Selbstvertrauen aufpäppeln, aber sie erreichte das Gegenteil. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt und dachte, dass ich ihre Erwartungen niemals würde erfüllen können. Mein Bruder tourt schließlich als erfolgreicher Rocksänger um die Welt. Ich drehe dumme Horrorfilme im Garten meiner Eltern.