Träge gluckst die Elbe zwischen Bäumen und Feldern, und oben auf dem Hügel stimmen sich siebzehn Streicher aufs Epochenspringen ein. Das Berliner Ensemble Kaleidoskop verbindet in Hitzacker britisches Frühbarock mit US-Avantgarde von Steve Reich und den Stellen des Schweizers Dieter Ammann, der als composer in residence selbst dabei ist. Am Freitagabend wird das sein, bei den 69. (!) Sommerlichen Musiktagen, deren junge Intendantin Carolin Widmann auch als Geigerin für Grenzgänge bekannt ist. Ach, zu spät? Sie schaffen es nicht an die Elbe, weil Sie gerade im Rheingau sind?

Da gäbe es, ebenfalls um 20 Uhr, im Schloss Johannisberg glühende Klavierpoesie mit einem 23-jährigen Russen, den sogar Martha Argerich "dämonisch" findet – Daniil Trifonow. Eines von 159 Konzerten beim Rheingau Musik Festival. Nein? Sie sind gerade weiter östlich und mögen rare Opern? Wie wäre es mit Mozart und Salieri von Nikolai Rimsky-Korsakow auf Schloss Rheinsberg, beim Festival junger Opernsänger, am See gelegen? Oder lieber gleich auf die Insel Poel in der Wismarer Bucht, um in einer Gutsscheune endlich mal das selten gespielte, fantastische Violinkonzert von Robert Schumann zu hören? Dazu laden die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern ein.

Und wenn diese Termine alle nicht passen: macht nichts. An jedem Sommertag finden in Deutschland gleich mehrere Festivalkonzerte mit sogenannter "Klassik" statt, die man kurzentschlossen ansteuern und sich sogar leisten kann. Während die Freunde kultisch umglänzter Orte auf Salzburg und Bayreuth starren, starten am Wochenende sieben Festivals von Freden bis Nürtingen, andere enden – etwa 40 teilen sich allein die erste Augusthälfte. Bis hinauf zur Nordseeküste, wo die "Gezeitenkonzerte" Musiker wie die Klarinettistin Sharon Kam und die Gambistin Hille Perl in abgelegene Kirchen locken.

Um sich einen Überblick nebst leichtem Rausch zu verschaffen, muss man weder tonnenweise Pressemappen horten noch vier Suchmaschinen nebeneinander laufen lassen, sondern einfach nur das vielleicht beste und unabhängigste Klassikportal der Welt ansteuern, das sich knochentrocken Deutsches Musikinformationszentrum nennt, kürzer MIZ, vom Deutschen Musikrat betrieben wird und alle der mehr als 500 Musikfestivals erschließt, die es in Deutschland gibt. Einschließlich der 158 für Jazz, Rock, Pop, Heavy Metal, Reggae, Techno und mehr.

Freunde notierter Musik stehen also staunend zwischen fast so vielen Festivals wie das Jahr Tage hat, viermal so vielen wie vor 20 Jahren, wobei nur die gerechnet werden, die "professionellen und überregionalen Charakter" haben. Die werden vom MIZ so aufbereitet, dass man nach Zeiträumen, geografischer Lage und fünfzehn verschiedenen Inhaltsschwerpunkten recherchieren kann, bis hin zur "Pflege des Werkes einzelner Personen", wie es im fast schon wieder anrührenden Deutsch der Kulturbürokratie heißt. Ihre geniale Sortiermaschine haben die MIZler mit dem bescheidenen Namen "Festivalguide" getarnt. Zudem liefern sie auch Statistisches zum Boom.

Der erfasst mit jeweils 76 und 75 Festivals besonders heftig zwei Sparten, von denen uns Marketingexperten und Mehrheitsanhänger gern weismachen, sie seien nur nischentauglich, nämlich zeitgenössische Musik und Kammermusik. Vielleicht hat Eckart Runge, Cellist des weltberühmten Artemis Quartetts, wirklich recht, wenn er meint: "Es gibt eine neue Sehnsucht nach kleinerer Form, nach wahrhaftigerem Gehalt." Letzteren suchen auch die Anhänger der historischen Aufführungspraxis, für die es in Deutschland 58 Festivals gibt – darunter die schon legendären, 30 Jahre jungen Tage Alter Musik Regensburg.

Freilich ist nicht jedes Festival so rappelgut besucht wie das Regensburger, das sich zum Großteil über Tickets finanziert. Andere haben auch bei vollen Reihen ein Finanzproblem. Sparmaßnahmen verkürzen viele Budgets, und wenn sich ein starker Sponsor überraschend zurückzieht wie im vergangenen Jahr die Daimler AG von den Ludwigsburger Schlossfestspielen, fehlen mal eben 80.000 Euro. Während man beim Rheingau Festival stolz darauf ist, mit mehr als 140 Sponsoren und Partnern "nahezu komplett ohne öffentliche Gelder" auszukommen, ringen die Kunstfestspiele Herrenhausen um eben diese.

Die Kommunen verdienen an den Festivals

Konzert des Rheingau Musik Festivals 2013 im Kloster Eberbach © Ansgar Klostermann/Rheingau Musik Festival

"Ein disparates Bild voll gegenläufiger Tendenzen" bietet sich da laut MIZ, wo sich auch ein nachdenklicher Beitrag von Franz Willnauer nachlesen lässt, bis 2003 Intendant der Intenationalen Beethovenfeste Bonn. Er zählt auf, wie viele Festivals infolge der Wirtschaftskrise schon wieder verschwunden sind, und erklärt sich das Wachstum unterm Strich vor allem durch die Einsicht in die "Umwegrentabilität". Viele Kommunen und Regionen haben begriffen, dass für jeden Euro "Subvention" drei bis vier Euros wieder hereinrollen, weil die Leute, grob gesagt, schließlich auch essen, trinken und übernachten müssen.

Wo man so wirtschaftlich denkt, wächst freilich auch die Neigung, die ohnehin Präsenten aufs Podium zu holen: Die Trompeterin Tine Thing Helseth etwa tritt mit ihrer Crew bei gleich fünf Festivals nacheinander auf, und viele exzellente Streichquartette haben, wie auch in Konzertreihen, oft das Nachsehen gegenüber den "Solistenquartetten", bei denen ein Star die erste Geige spielt. Wer sich aber ein Programm wie das der 24. Internationalen Fredener Musiktage im niedersächsischen Leinetal anschaut, die nun beginnen, stößt auf kostbare Raritäten und Spitzenmusiker jenseits des Mainstreams wie etwa das Minguet Quartett, das in einer Zehntscheune aus dem 18. Jahrhundert auftritt.

Dass es so viele reisefreudige Musiker gibt wie selten zuvor – in 13 Jahren ist die Zahl freiberuflicher Instrumentalsolisten und Orchestermusiker in Deutschland von 2.200 auf 3.300 angestiegen –, könnte freilich auch damit zu tun haben, dass in derselben Zeit mit 14 Orchestern auch rund 1.000 Planstellen verschwanden. Aber wie die Angstblüte einer untergehenden Kultur wirkt der Boom der Festivals trotzdem nicht. Eher wie eine Neuentdeckung gewaltiger Ressourcen und befreiender Ambientes. Schließlich steht in keiner Partitur, sie müsse in hermetischen Sälen, klammen Ritualen und außerhalb der Reichweite eines bezahlbaren, guten Glases Wein realisiert werden.