Eigentlich, lieber Robert Plant, bin ich ja wegen der Vorband gekommen. Recht klein stand deren Name auf den Plakaten. Ungleich größer ist meine Liebe zu ihr seit der Nacht zum 29. April 2006. Das schwerverletzte New Orleans feierte Jazz Fest, das erste seit dem Hurricane Katrina. Zwischen zwei rappelvollen Tagen mit Open-Air-Musik spielten im House of Blues die North Mississippi All Stars. Nachts um halb drei betrat ein Trio die Bühne und legte unvergesslich los. Es klang, als würde William Faulkner zu Blues, vertont von einem College-Kid mit Gitarre, einem trommelnden Hühnerdieb und einem schwarzen Bassgebirge. Kurz vor sechs taumelte ich ins Morgengrauen. Noch immer pladderte der warme Regen.
"Wow", sagt 2014 Luther Dickinson, der Gitarrist. "Mann, es gibt nichts Größeres als New Orleans am Morgen, wenn Jazz Fest ist und du hast die ganze Nacht gespielt."

Hinter uns hängt ein Zettel: Konzertschluss 22 Uhr, Höchstlautstärke 95 Dezibel. Luther Dickinson, nun 43 Jahre alt, wirkt in Europas Sommersonne wie ein sportiver Jungdozent. Er trinkt Wasser, er überreicht ein Kräuterbonbon. Er lacht, philosophiert, schwatzt Schnurren und stupst sein Gegenüber einvernehmlich an. Wir befinden uns in Berlin-Spandau, backstage, im Hof der Zitadelle. Das ist sehr fern von Hernando/Mississippi und Faulkners dunklen Geistern. Luther und sein Trommelbruder Cody sind die Söhne von Jim Dickinson. 2009 starb dieser Fackelträger der Southern Music. Seine Jungs hüten Vaters Flamme und den Schlamm, gemäß dem Mississippi-Credo: "I'm in the mud, and the mud's in me." Ihr jüngstes Album ziert eine Diskokugel in einem Baumwollacker. Es heißt World Boogie Is Coming. Nun, bislang blieb es beim North-Mississippi-Boogie. Man wünscht den All Stars keinen Weltmusik-Verschnitt, aber vielleicht Ausritte, wie sie Ry Cooder nach Mali unternommen hat und Robert Plant nach Marokko.

"Was bedeutet es Euch, mit Robert Plant zu touren?"
"Die Welt, Mann, die Welt."
"Gregg Allman sagt, britischer Blues sei wie ein Papagei in der Arktis."
"Ich widerspreche", erklärt Luther. "Die britischen Musiker erzählen alle, wie sie den Blues entdeckten: über das American Folk Blues Festival. Später haben sie ihn zurückimportiert."
"Bitte spielt heute wieder drei Stunden."
Das, grient Dickinson, sei mit Robert vermutlich nicht zu machen.

Ein Dreiviertelstündchen haben die North Mississippi All Stars. Sie zelebrieren ihre Blues'n'Roll-Kunst im Schnelldurchlauf, inklusive Trommelmarsch durchs Publikum. Das sind fünftausend, die wohl doch vornehmlich wegen Robert Plant gekommen sind. Die Menge scharrt mit den Hufen. Ein Damenkränzchen kräht: "Bobby! Bobby!" Welch  unwürdiges Betragen, nach Ansicht der Männerwelt in den ruhmbedeckten Led-Zeppelin-Shirts. Als Zwischenmusik gibt es arabische Tambourine mit frenetischem Gesang.

Wer ist Robert Plant?

Dann wallt walisischer Nebel. Robert Plant zieht ein, samt seiner Band, den Sensational Space Shifters. Er ist nun 65 Jahre alt, grau bemähnt, fit. "Football!" ruft er. "Haben Sie gut getan? Let's play some Blues and Country & Eastern Music.

Was will man von Robert Plant? Wer ist er? Natürlich auf immer Led Zeppelins blonder Baldur, die Tagseite dieser abgründigen Superband. Sie ist nun seit Jahrzehnten tot, 1980 gestorben mit ihrem Trommler John Bonham. Ihre einmalige Auferstehung 2007, bestens dokumentiert, diente nur zum Beweis des ewigen Lebens, obwohl der Gitarrist Jimmy Page noch immer von irdischer Fortexistenz träumt. Die gibt es nicht ohne Robert Plant, und dem fehlt die Lust auf Led Zeppelin. Er hasst Stadionrock, ihn interessieren andere Welten, von Afrika bis Bluegrass. Über die Jahre hat Plant unter eigenem Namen einen Stapel zumeist interessanter Alben veröffentlicht, mit den Höhepunkten Dreamland (2002), Mighty ReArranger (2005) und Raising Sand (2008) mit der Bluesgrass-Heroine Alison Krauss. Led-Zep-Songs? Wollte er nie mehr singen.

Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Dem Blues-Klassiker Spoonfull folgt Black Dog – neu erschaffen. Im Mittelteil brilliert der gambische Ritti-Spieler Juldeh Camara. Die Ritti ist eine einsaitige Geige. Ansonsten bestehen Plants Sensational Space Shifters aus den famosen Gitarristen Skin Tyson und Justin Adams, dem Bassisten Billy Fuller, dem etwas korsettierten Drummer Dave Smith und Johnny Baggot, der doch recht synthetisch in seinem Keyboard rührt. Die Platte Lullaby And The Ceaseless Roar erscheint erst am 9. September. "Buy it!" befiehlt Plant. "It's fucking good!"