Es gehört inzwischen zum guten Ton in der Popkultur, Jay Z und Beyoncé mit Michelle und Barack Obama zu vergleichen. Auf der einen Seite Familie Carter-Knowles, das vermeintlich einflussreichste Ehepaar der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Auf der anderen der Mann und die Frau im Weißen Haus. Beide sind mächtig, reich und schwarz. Vor allem für die afroamerikanische Bevölkerung des Landes gelten sie als identitätsstiftende Vorbilder.

Wie sinnvoll der Vergleich tatsächlich ist, haben im August die Vorfälle in Ferguson, Missouri gezeigt. Ein unbewaffneter schwarzer Teenager wurde dort von einem weißen Polizisten erschossen, der zivile Protest anschließend von einem militärähnlich aufgerüsteten Polizeiapparat und seinen unsensiblen Befehlshabern zurückgedrängt. Die Ehepaare Obama und Carter-Knowles zeigten sich in ihren Reaktionen darauf vereint: Beiden ist zur Sache nicht besonders viel eingefallen.

Obama pflegt einen abwägenden, manchmal zögerlichen Stil, mit dem er seit sechs Jahren die Geduld der Amerikaner strapaziert. Über Jay Z kann man das eigentlich nicht behaupten: Als Rapper mit einer oft ins Beispielhafte übersteigerten Aufstiegsgeschichte vom Drogendealer zum Pop-Mogul hat er den Auftrag der Kunst, sich an den Begebenheiten der Realität abzuarbeiten, lange Zeit ernst genommen. So gehörte etwa sein selbstkritischer Minority Report zu den pointiertesten Reaktionen auf das Krisenmanagement der Bush-Administration nach Hurrikan Katrina.


Das war vor acht Jahren und die Interessen des Rappers scheinen sich seitdem verschoben zu haben. Als Unternehmer und Spielerberater vertreibt sich Jay Z die Zeit ganz milliardärsecht mit dem US-Profisport. Die staatstragende Inszenierung seiner Ehe läuft rund um die Uhr. 2013 erschien sein jüngstes Album Magna Carta Holy Grail als lukrative Kooperation mit einem Mobilfunkanbieter. Für das Luxus-Kaufhaus Barneys entwarf er eine Modelinie. Als dessen diskriminierender Umgang mit afroamerikanischen Kunden ans Licht kam, handelte Jay Z eine größere Gewinnbeteiligung für seine Shawn-Carter-Stiftung aus. Dass er das Projekt nicht abbrach, wird ihm bis heute nachgetragen.

Hip-Hop ist die Ausdrucksform der Unterprivilegierten in Amerika. Seine bedeutendsten Künstler haben die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung ins 21. Jahrhundert getragen. Sollte sich nach den Ereignissen von Ferguson und ausgerechnet zum 50. Jahrestag des Civil Rights Act der Eindruck verhärten, dass dem Genre die Fähigkeit zur Subversion abhanden gekommen ist, stimmt das allerdings nur teilweise. Jay Z und Beyoncé, Kanye West, Lil Wayne, Nicki Minaj und andere Rap-Schwergewichte hüllen sich tatsächlich in schweigende Amtsmüdigkeit. Hip-Hop jedoch ist größer als seine größten Vertreter. Neue Wortführer sind an ihre Stelle gerückt. 


Allen voran marschiert Michael Render, ein 39-jähriger Rapper aus Atlanta, der als Killer Mike seit 15 Jahren einen politisch motivierten Blickwinkel auf die sonst eher mit Ignoranz und Genussüberfluss kokettierende Musik des Dirty South pflegt. Seine Tracks sind ebenso tagesaktuell wie historisch informiert. Sie decken schwindelerregende Zusammenhänge zwischen den Jahren der Reagan-Regierung und heutigen Lebensumständen afroamerikanischer US-Bürger auf. Killer Mike selbst nennt seine Musik "Ghetto Gospel". Weil er meinungsstark, unterhaltsam und Sohn eines Polizisten ist, hat ihn der amerikanische Mainstream jetzt für sich entdeckt.

Render schrieb einen viel beachteten Leitartikel für das Billboard-Magazin und gab den Nachrichtensendern CNN und Fox Business Interviews. Er warnte vor den Militarisierungstendenzen der Polizei und verdammte ihr unverhältnismäßiges Vorgehen in Ferguson. Er betonte jedoch auch die Schwierigkeiten heutiger Polizeiarbeit und warb für mehr Gesprächsbereitschaft zwischen den Einsatzkräften und ihren Communitys.