Facebook ist eigentlich viel zu modern für Element of Crime. Eine Facebook-Seite aber haben sie natürlich trotzdem. Braucht man eben als Rockband. Irgendwo müssen die Fans ja Infos bekommen und Kontakt aufnehmen können. Die Menschen, die diese Möglichkeiten besonders ausgiebig nutzen, das verrät die Statistik der Facebook-Seite von Element of Crime, stammen aus "Wien, Österreich" und sind "25-34 Jahre" alt.

Ersteres kann man ja noch verstehen. Schließlich haben der Sänger, Trompeter und Songschreiber Sven Regener und seine drei Mitstreiter auch diesen leicht morbiden Charme, den man angeblich in der österreichischen Metropole so verehrt. Aber dass Menschen, die kaum das passive Wahlrecht erworben haben, die aktivste Nutzergruppe auf einer Element-of-Crime-Seite sein sollen – das muss an Facebook liegen. Oder, anders herum: daran, dass die richtigen, also altersgerechten Element-of-Crime-Fans allesamt Facebook-Verächter sind.

Regener jedenfalls, das darf man vermuten, ist einer. Im Titelsong von Lieblingsfarben und Tiere, dem neuen Album seiner Band, beschwört er die Entschleunigung. Zuerst beschreibt er eine Welt, in der das Festnetztelefon sinnlos geworden ist. Dann schaltet er sein Handy aus, legt sich hin, macht die Augen zu und singt: "Denk an Lieblingsfarben und Tiere, Dosenravioli und Buch. Und einen Bildschirm mit Goldfisch, das ist für heute genug."

Das passt zu ihm. Regener pflegt seit Jahrzehnten die renitente Dissidenz, ob als Musiker oder Schriftsteller. Seine Band schlug sich schon zu Berliner Mauerzeiten frühvergreist durch ein Popgeschäft, das den Jugendwahn kultivierte, und klingt mittlerweile bisweilen, als wollte sie das Schieben eines Rollators vertonen. Für seine Romane hat Regener eine Handvoll Figuren erfunden, die regelmäßig auftauchen wie gute Freunde und der immer schneller rotierenden Tretmühle des Kapitalismus endloses Labern, humankapitalvernichtende Trinkpraktiken oder einfach selbstverliebte Ignoranz entgegensetzen. Sehr sympathische Figuren. Herr Lehmann natürlich, aber auch Karl Schmidt, der antiheldische, aber sehr heldenhafte Held des im vergangenen Jahr erschienenen Magical Mystery Tour. Das Buch besteht, wenn man ehrlich ist, nur noch aus herrlich sinnfreiem Geplapper.

Nicht, dass Sven Regener, mittlerweile 53 Jahre alt, so gar nicht begreift, was um ihn herum vorgeht. Nein, er hat sogar schon gebloggt, aber nur sporadisch auf Einladung oder aus besonderem Anlass, und dann schreibt er Sätze wie: "Bin, seit ich hier herumblogge, dümmer geworden." Anschließend gibt's die digitalen Preziosen natürlich auch noch so richtig gedruckt als Buch.

Man könnte das für konservativ halten. Es ist aber viel eher die Verwunderung darüber, dass sich die Welt dreht. Und die Sorge, dass man die Momente, die es wert wären, nicht ewig festhalten kann. Um solche Momente geht es oft bei Regener. In den Büchern, wenn wieder einmal jemand einfach mal so erzählt. In den Liedern erst recht, auch denen auf dem neuen Album. Da geht es um den Moment, wenn die Zigarette schneller runtergebrannt ist, als man denkt. Um den Moment, da das Auto erst ansprang, als es getreten wurde. Gleich im ersten Song des neuen Albums geht es um die Verwunderung, dass man Am Morgen danach auch noch da ist. Man wird sich doch mal wundern dürfen, dass man noch am Leben ist.

Gleichsam kultiviert Regener eine wissende Weltfremdheit, einen zwinkernden Ekel vor der Moderne. Er findet damit ein Publikum, das sich gut zurechtfindet in dieser Welt, aber doch gern einen ironischen Sicherheitsabstand ziehen möchte. Distinktion durch bloß behauptete Differenz.