Tausend Augen auf dem Kassettenabspielgerät – Seite 1

Das Problem war der Sex. Der Sex am Nachmittag. Die Rockband Silly probte schon im TV-Studio für ihren Auftritt, als ein Redakteur den Musikern verdeutlichte: Das Lied Bataillon d’Amour muss aus der Setlist raus. "Zwei schmale Jungenhände streicheln ihre Brust… ein warmer Hauch der Lust", schmachtet es in der zweiten Strophe. Brust? Lust? – fürs Nachmittagsprogramm war das den Tugendwächtern zu viel. "Alles Argumentieren half nichts", erinnert sich Keyboarder Ritchie Barton an den Vorfall Anfang November 1986. "Wir gaben nach."

Das Fernsehstudio stand nicht in Ostberlin, der Heimat Sillys, sondern in Mainz. Der Redakteur untersagte Bataillon d’Amour im Auftrag des ZDF, er war kein kommunistischer Funktionär. Da hatte das DDR-Regime Silly die Reisepässe für den Westen genehmigt – und dann dort auch Zensur? Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker regt das heute noch auf: "Der Auftritt in Mainz war meine erste West-Reise. Ich habe damals die Welt nicht mehr verstanden."

Verbote von Texten kannten die Musiker aus ihrer sozialistischen Heimat. In Ostberlin steuerte eine Gruppe realitätsvergessener Autokraten, was die 17 Millionen DDR-Bürger zu sagen, zu sehen und zu hören hatten. Der Machtapparat der SED lenkte Wirtschaft, Medien und Kultur bis hinein in den letzten Dorfclub. 

Wer als Musiker in der DDR unbeschwert leben wollte, machte Schlager. Der Bedarf war enorm, der Rundfunk hatte eine Quote von 60 Prozent Ostmusik einzuhalten. Die Studios konnten für 1,5 Millionen Mark pro Jahr Rock und Pop produzieren, um die Hörer von den Westsendern wegzulocken. Amiga, das einzige Plattenlabel für Populärmusik, presste zwölf Millionen Langspielplatten pro Jahr. Der Erlös floss in ein dichtes Netz subventionierter Clubs, Kultur- und Jugendhäuser. Doch wer als Musiker kritisch sein wollte, bekam es mit der Zensur zu tun.

Sie saß unter anderem im Gebäude des DDR-Radios in Berlin-Oberschöneweide in einem Klinkergebäude, drinnen vertäfelte Aufnahmesäle, Tonstudios und braungraue Besprechungsräume. Walter Cikan war hier oberster Rock- und Popproduzent. Bis zum Mauerfall vermittelte er zwischen Künstlern und dem Regime und war zugleich dessen Vollzugsorgan. Mit zehn Redakteuren und Lyrik-Fachleuten saß Cikan einmal pro Woche vor einem Kassettenabspielgerät, aus den Lautsprechern tönten eingereichte Demo-Aufnahmen der Bands. Die sogenannte Lektoratskommission durchsuchte das Material nach musikalischen Schwachstellen und unerwünschten Themen. Sie lud die Texter vor, verlangte, anstößige Lyrik zu entschärfen und entschied schließlich, was ins Radio durfte und was nicht.

Während das Plattenlabel Amiga eher milde zensierte, unterstand der Rundfunk als Massenmedium direkt Honeckers engstem Machtzirkel, dem Zentralkomitee der SED. Etwa ein Viertel der eingereichten Stücke fiel hier durch – wegen handwerklicher Mängel oder weil den Zensoren Text und Thema nicht passten. Wer von Umweltproblemen, Mauerbau oder Freiheit singen wollte, schaffte es selten in die Öffentlichkeit.

Worauf Honeckers Stab gerade Wert legte und was unerwünscht war, stellte die SED-Führung Woche für Woche nach unten durch. Die Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees schickte den Chefredakteuren von Funk und Zeitungen die sogenannte Argumentation, kurz Argu. "Darin war festgelegt, was die Partei der Bevölkerung nahe bringen wollte", erläutert Cikan. Seine Aufgabe war, diese Direktive durchzusetzen.

Das Lektorat leitete daraus ab, welche Themen ins Studio durften. "Ein Lied über Autoreifen hätten wir versucht, der Band auszureden", sagt Cikan. Sie waren in der Planwirtschaft Mangelware. "Und wir wollten doch nicht dem Feind unsere Schwachstellen zeigen." So waren Liedtexte über Neonazis oder Umweltprobleme tabu.

Die Legende vom grünen Elefanten

City-Sänger Toni Krahl (r.) mit Gitarrist Fritz Puppel. Zuletzt erschien 2013 von City das CD/DVD-Doppelalbum "Danke Engel". © Britta Pedersen/​dpa

Cikan war selbst Musiker und Sänger in mehreren Bands. Er studierte nach dem Mauerfall noch einmal und gründete eine Praxis für Musiktherapie. Heute lebt der 70-Jährige in Berlin-Kaulsdorf. Hat er je darüber nachgedacht, ob es in Ordnung war, was Honecker und seine Garde mit dem Land und seinen Menschen machten? Seine Antwort ist die Selbstentschuldigung der Systemgetreuen: "Ich hatte mir gesagt, dass ich das System nicht ändern, es aber verbessern kann." Er entschied sich bewusst dagegen, Missstände anzuprangern. "Wenn ich Märtyrer geworden wäre, hätte ich weniger bewegen können als auf diese Weise." 

Bands, die an Cikan und der Zensur vorbei wollten, mussten geschickt sein und besondere Techniken entwickeln. Eine davon ist der grüne Elefant, eine ostdeutsche Legende: Gemeint ist die Technik, überzogene Textzeilen in Songs oder besonders provokante Lieder in Alben einzubauen, so dass die Zensoren dort ansetzten – und leisere systemkritische Töne übersahen. 

Doch gab es den grünen Elefanten wirklich? Chefproduzent Cikan erinnert sich an sie. "Heute präsentieren das viele Musiker als Heldentaten." City-Gitarrist Fritz Puppel dagegen glaubt nicht, dass die Bands so arbeiteten. "Ich halte das für eine Mär. Woher sollte ein Lyriker wissen, was in nächster Zeit abgelehnt werden könnte?" Auch den Silly-Musikern, Jürgen Ehle von der Band Pankow und anderen Befragten fallen keine Beispiele dafür ein.

In ihrer heutigen Besetzung mit Anna Loos, Jäcki Reznicek (l.), Ritchie Barton und Uwe Hassbecker veröffentlichte Silly zuletzt das Album "Kopf an Kopf". © Marc Tirl/​dpa

Ihre Systemkritik versteckten die Künstler in Metaphern. So entstand eine DDR-typische Poesie von manchmal enervierender Bilderdichte: Im Text des Songs SOS vom 1989-er Album Februar lässt Silly die DDR als schwarz-(rot)-goldene Titanic versinken. Das Werk steckt voller Vorzeichen der Wende. Auf dem "gebrauchten Narrenschiff" finden die Passagiere "den Schlüssel von der Waffenkammer nicht" – ein Code für den Frust über die Apathie im Land.

Wir bezwingen Ozeane mit 'm gebrauchten Narrenschiff. Über uns lacht 'ne goldene Fahne, unter uns ein schwarzes Riff … Immer noch brennt bis früh um vier in der Heizerkajüte Licht. Immer noch haben wir den Schlüssel von der Waffenkammer nicht"
aus "SOS" vom 1989 erschienenen Album "Februar" von Silly

Es wäre aber zu einfach, das System der Musikproduktion nur in Revolutionäre und Zensoren einzuteilen. Beide Seiten waren im Umgang miteinander geübt. Große Bands schätzten die Auslandstourneen und die informellen Kontakte zu einflussreichen Staatsvertretern, kleinere Kapellen das gute Geld.

Cikan erzählt von Künstlern, die sich den Lektoraten anpassten, strittige Themen mieden, Änderungswünsche widerstandslos erfüllten, des Erfolgs wegen. "Da entstand eine Art unausgesprochene Verbrüderung." Cikan wollte anspruchsvolle Produktionen und keinen Ärger. "Wir waren froh, wenn Texte mit geschickt formulierten Anspielungen zu uns kamen", sagt er.

Schikane im Vorprogramm von James Brown

City, 1987, mit Fred Puppel, Toni Krahl (r.), Klaus Selmke und Manfred Henning © Ute Mahler/​OSTKREUZ

Für die, die nicht kooperierten, war völlig unklar, warum ein Text nicht durchs Lektorat kam. "Das war reine Willkür", sagt Toni Krahl, Frontmann der Band City. Jürgen Ehle von Pankow erinnert sich an sieben Änderungswünsche in vier Plattenproduktionen. In dem Gassenhauer Inge Pawelczik ließ die Zensur ein Gespräch "...vom Ost-West-Konflikt" in eines "...von der Politik" ändern. In Businessman wurde aus dem "Intershop" ein "Autogeschäft" und aus dem "Devisengeschäft" ein "sauberes Kassenbuch". Aus vulgärem "scheißegal" wurde "ganz egal". Silly spielte im Album Zwischen unbefahrenen Gleisen mit den Worten "Tausend Augen hinter der Tapete" auf die schnüffelnde Stasi an. Die Zensur änderte in "Tausend Augen stürzen aus dem Dunkeln".

Berlin. Berlin. Da fuhren noch die Straßenbahnen bis an den Streifen Niemandsland, wo für die armen Zonenkinder ein Wanzenkino offenstand. Heut seh ich vom Balkon bei Mutter da drüben den Mercedesstern, Reklame für McDonalds-Futter und Türken, die die Straße kehrn.
aus "z.B. Susann" vom 1987 erschienenen Album "Casablanca" von City

Manchmal staunten die Musiker aber auch, was die Fans in ihre Texte hineindeuteten. Die Zeile "da ging im Jahre 1968 die große Liebe bis in den August" im City-Lied z.B. Susann monierte die Zensur, weil die Jahreszahl für Rebellion stand. Sie änderte in "da ging die große Liebe vom Frühling bis in den August". Was die Kulturaufseher nicht bedacht hatten: Die Hörer feierten diese Zeile als versteckte Thematisierung eines Tabus – im August 1961 wurde die Mauer gebaut. Auch der Songtitel ist ein Code: z.B. Susann ergibt rückwärts gelesen SBZ – Sowjetische Besatzungszone.

Totalverbote sprach das Lektorat nicht aus. Zu kritische Texte wurden für die Produktion einfach nicht ausgewählt oder vom Radio ignoriert. Einen bei Platte und Funk abgelehnten Song live zu spielen, stand den Bands frei. Doch es konnte riskant sein, wie die Klaus Renft Combo erlebte. Bei der Rockballade vom kleinen Otto witterten die Zensoren, die Geschichte über einen auf der Elbe nordwärts fahrenden Kahn lasse sich als Anregung zur Republikflucht verstehen. Renft spielte das Lied auf Konzerten und erhielt 1975 Berufsverbot.

City-Frontmann Toni Krahl (r.) und Gitarrist Fred Puppel mit der Vorwende-Platte "Casablanca" von 1987 – ein Album voller versteckter Hinweise auf die Lage in der DDR © ZEIT ONLINE

Auch Toni Krahl wäre es 1988 fast so gegangen. Auf einem Ost-Woodstock in Berlin-Weißensee spielte City im Vorprogramm, vor der Bühne warteten Zehntausende Rockfans. Die DDR wollte im Vorwendejahr Weltoffenheit demonstrieren und hatte Joe Cocker, James Brown und westdeutsche Sänger wie Heinz-Rudolf Kunze eingeladen.

Krahl und seine Kollegen waren auf dem Weg zur Bühne, als ihm Vize-Kulturminister Hartmut König den Arm um die Schultern legte: "Du, Toni, Halb und halb, das spielt ihr heute nicht, oder?" Egon Krenz sei heute im Publikum. In Halb und halb heißt es: "Im halben Land und der zerschnittenen Stadt, halbwegs zufrieden mit dem, was man hat. Halb und halb."

Der schwierige Auftritt von City 1988 in Berlin-Weißensee (ab Minute 53)

Der Frontmann wog ab: einknicken oder Repressionen riskieren? Nach zwei Liedern sagte er der Menge, City dürfe ein Lied heute nicht spielen. Dann sprach er den Text von Halb und halb. Das Publikum jubelte anerkennend, denn es verstand: Die Band steht unter Druck. Krahl hat sich den Auftritt später auf einem Video angesehen. "Die Angst stand mir in den Augen", sagt er heute. "Wir haben das Lied danach nie mehr live gespielt."

Für Silly lief es zumindest in Mainz beim ZDF besser. Statt Bataillon d’Amour haben sie dann Schlohweißer Tag gespielt – mit einem unsichtbaren Lächeln im Gesicht. Erotisch, wie es das ZDF beanstandet hatte, war dieser Song nicht. "Ich mache mich hin. Ich mache Verkehr… Du öffnest dir 'ne Dose Kompott. Der Saft läuft auf das Laken. Mein Gott." Er handelte von hartem, schmutzigem Sex. "Da ging es richtig zur Sache", sagt Ritchie Barton, "nur eben surrealistisch formuliert." Keinem der ZDF-Redakteure fiel das auf. Sie waren nicht gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. 

Mitarbeit: Carolin Ströbele