Als moderat aufsässige Oberstufenschülerin vom Dorf konnte man zu Beginn der Nullerjahre lächerliche Musik hören, ohne sich dabei selbst lächerlich zu machen. Limp Bizkit mit ihrem Keep rollin', rollin', rollin' ist zwar heute längst vergessen, aber damals war sie cool. Neben ihrem pathetischen Nu-Metal-Rock veröffentlichte die Band glücklicherweise auch zwei Coverversionen. Behind Blue Eyes von The Who und Wish You Were Here von Pink Floyd.

Ich wusste damals kaum, wer die Bands waren. Aber es gab da diesen Satz in Wish You Were Here, der bei mir einschlug: "So, so you think you can tell heaven from hell, blue skies from pain?" Und weiter: "Can you tell a green field from a cold steel rail, a smile from a veil, do you think you can tell?" 

Manche haben ihren Goethe-Moment, anderen geht bei Hölderlin das Herz auf, mein Leben wurde durch Pink Floyd ein anderes. Die Zeilen waren so einfach und so schön, dennoch nicht trivial: Du denkst, du kannst den blauen Himmel von Schmerzen unterscheiden?

Schnell fand ich heraus, dass Limp Bizkit zu solcher Lyrik gar nicht fähig gewesen wären. Wish You Were Here stammte im Original von Roger Waters und David Gilmour, der eine Bassist, der andere Gitarrist von Pink Floyd. Der Song war im Jahr 1975 erschienen, auf einem Album gleichen Namens. Das Cover zeigte einen brennenden Mann im Anzug. Die Band hatte sich mittlerweile längst zerstritten und getrennt.

Für mich war der Song damals vor allem ein Liebeslied, dem es sich hinzugeben galt – mit allem intrapubertären Schmerz, zu dem ich fähig war: "How I wish, how I wish you were here. We're just two lost souls swimming in a fish bowl, year after year." Wir sind zwei verlorene Seelen in einem Goldfischglas. Glubb, glubb! Wo diese Zeilen herkamen, musste es noch mehr geben.  

Pink Floyd im Jahr 1994: Rick Wright, David Gilmour und Nick Mason © Andy Earl

Ich lieh mir alle Alben der Band, derer ich habhaft werden konnte. Dann ging alles sehr schnell. Es war eine große Liebe, die ich mit dicken Kopfhörern im Dunkeln zelebrierte. Binnen eines halben Jahres wurde ich zur Pink-Floyd-Expertin. Ich bemerkte, wann David Gilmour eine Fender Telecaster spielte und wann er eine Fender Stratocaster spielte. Ich lernte die Familiengeschichte von Roger Waters auswendig, und beschäftigte mich mit den Akkordfolgen (b-Moll, D-Dur!) meines neuen Lieblingsliedes Comfortably Numb, obwohl ich überhaupt kein Instrument spielte. Ich trug T-Shirts mit Schweinen darauf, reiste zu Tribute-Veranstaltungen und konnte die Welt in Pink-Floyd-Zitaten erklären: "One inch of love is one inch of shadow. Love is the shadow that ripens the wine." Oder: "You are young and life is long and there is time to kill today. And then one day you find ten years have got behind you. No one told you when to run, you missed the starting gun." 

Abseits der Texte gab es diesen unfassbar kristallinen, sanften, hoch technisierten und angenehm offenen Klang. Vieles kam ganz ohne Text aus. Immer wieder vertonte die Band Naturphänomene: einen Sonnenaufgang über dem Meer in Echoes, eine apokalyptisch brennende Stadt in Sorrow, einen Frühlingsnachmittag am Fluss in Grantchester Meadows.   

Dennoch war kein Album wie das andere. Ich muss noch heute Pink-Floyd-Alben immer an einem Stück hören: das An- und Abschwellen der Musik, die Stimmungs- und Rhythmuswechsel – des Lebens labyrinthisch irrer Lauf auf einer Compact Disc. Kein Lied darf aus dem Kontext gerissen werden, das ein Konzeptalbum ihm bietet. Diesem Genre zum großen Durchbruch verholfen zu haben, ist ein Verdienst der Band.

Ganze Jahrzehnte spiegeln sich im Floydschen Werk; wer etwas über die Entwicklung der ambitionierten Rockmusik erfahren will, kann es hier finden: In den Sechzigern überwiegen psychedelisch-lyrische Trips mit schwerer Hammondorgel und geheimnisvollen Texten. In den Siebzigern kommt die Maschinenmusik mit Synthesizern und epischen Gitarrensoli, in den Achtzigern geht es künstlerisch bergab bis zum Drumcomputer und die Neunziger ertrinken im Kitsch.

Statt neuer Musik: Todesmeldungen

Wie jeder bedingungslos Liebende nahm ich auch schlechte Alben wohlwollend an, darunter Schrott wie A Momentary Lapse of Reason und Edeltrash wie The Division Bell. Meine Liebe erkaltete trotzdem langsam. Auf meiner Festplatte lagerten zwar 25 Versionen von Comfortably Numb und ich hätte mühelos zu jedem beliebigen Pink-Floyd-Thema promovieren können. Aber das Problem war: Es kam nichts Neues mehr. Nicht seit ich denken konnte.    

Statt neuer Musik gab es Todesmeldungen. Das schizophrene Gründungsgenie Syd Barrett starb 2006. Richard Wright, der wunderbar traurige Pianist, zwei Jahre später. Ich zehrte von Berichten über ekstatische The-Wall-Konzerte, und hatte doch selbst nie eines besucht. Mein großer Moment kam 2005, wenn auch nur im Livestream: Pink Floyd spielten auf dem Live-Aid-Konzert in London wieder zusammen, das heißt als Gilmour, Mason, Waters, Wright. Seit 24 Jahren hatten sie das nicht getan. Ein Herzschlagbeat erfüllte den Hydepark: "Breathe, breathe in the air, don't be afraid to care."