Diese Band hat alles verändert

Das musikalische Gedächtnis ist eine Festung. In Jahrzehnten gefüllt mit den Soundtracks des Lebens, sichern hohe Mauern den Erinnerungsbestand. Was sich im Innern befindet, schafft es da ebenso schwer nach draußen wie Neues hinein. Popveteranen tun daher gut daran, ihr begleitendes Publikum mit wohl dosierter Aktualität zu behelligen. Altgediente Fans wollen Evergreens. Und so sehr selbst anspruchsvollere von Fortentwicklung faseln – am Ende muss das zehnte Album immerzu den Keim vom ersten verpflanzen. Ich weiß wovon ich rede. Ich bin da besonders streng. Ob ich nun will oder nicht.

Zum Glück hat das einer begriffen, der mir besonders am Herzen liegt: Billy Corgan. Acht Platten hatten seine Smashing Pumpkins bis 2012 gemacht und dabei, wechselnde Musiker zur Seite, mehrmals Abzweige vom gewohnten Pfad genommen. Wo anfangs brachial die Gitarren krachten, surrten irgendwann verstiegene Keyboards. Wo das Schlagzeug sinfonisch Akzente setzte, tat es bald ein Drumcomputer. Und wo eine wirkliche Band agierte, blieb irgendwann nur noch Corgan übrig, der allerletzte Kürbiskopf, Halbgott meiner frühen Musikentwicklung, optisch zusehends Nosferatu, fachlich unverdrossen genial. Und als wolle er dem gerecht werden, mir persönlich also, legt der Kopf, Bauch, Geist, Archivar und Nachlassverwalter in Personalunion auf dem neuen Album Monuments Of An Elegy jetzt los, als wäre nichts gewesen, in all den Jahren unserer Beziehung.

Tiberius heißt das Auftaktstück. Es klingt, wie etwas klingt, das klingt, wie es klingen sollte, um Leute wie mich glücklich zu machen. Nach ein paar Synthietropfen semmelt ein elaboriertes Trommeln unter Corgans Schreddergitarre, als sei die Zeit stehen geblieben, seit ich mir die erste, die zweite, neunte, überhaupt jede Platte der Pumpkins unbesehen, ungehört gekauft habe wie Butter zum Brot. Und wenn Corgans melancholisches Näseln darüber hinwegweht mit seiner tausendfach geäußerten Bitte, mehr ein Flehen, ihm nicht weiter weh zu tun in dieser schmerzhaften Zeit, dann ist es zurück, das Gefühl meiner späten Jugend, als diese Band alles in mir verändert hat, was sich von zwei Boxen aus verändern lässt.

Räudiger Rock wurde endlich salonfähig


Es war eine komplizierte Zeit für jemanden meines Alters und Geschmacks, eingangs der Neunziger, im drohenden Advent der Boygroups, Raver und Britpopper. Gerade waren The Melvins, Sonic Youth, das Debütalbum namens Bleach einer unbekannten Band namens Nirvana in die klangliche Verwirrung des frisch gebackenen Ex-Teenagers mit Affinität zu gesunder Härte gehagelt. Seltsam distinguiert wummerte es zwischen Radio-Pop und MTV-Mosh im Schädel. Und ich ließ es wummern. Alternativlos, so schien es.

Mit Guns N' Roses zum Beispiel, denen das junge Musikfernsehen das Prollige, nicht aber Bombastische ausgetrieben hatte. Dann Metallica, die ihren drolligen Hair-Metal akkurater frisiert einer Grunge-Kur unterzogen. Räudiger Rock, der Ton im Unterbewusstsein meines Distinktionsbedürfnisses, wurde endlich salonfähig. Und doch blieb da eine emotionale Leerstelle, die nicht mal Eddy Vedder zu füllen wusste. Also suchte ich. Und wartete. Und suchte weiter. Und fand. Eben: die Smashing Pumpkins.

Jedes Geschlechterbild in mir wankte

Kurz vorm Durchbruch der Compact Disc suchten große Jungs wie ich jede freie Minute analog im Plattenladen nach dem einen, alleinigen, alles verändernden Vinyl. Zum Angeben, zum Eintauchen, für die Ewigkeit. Leider war nicht ich es, der fündig wurde, sondern ein Freund, der immer noch ein paar Stunden länger am MK2 von Michelle verbrachte, damals der wichtigste Rillendealer Hamburgs. Dort die Gish zu hören, kam einer Offenbarung gleich. Corgan und James Iha droschen darauf in die Saiten, als sei Dezibel der neue Dollar. Der Drumpapst Jimmy Chamberlin war dem Trommelnovizen Jan Freitag nicht weniger als eine Heiligenerscheinung. Ganz zu schweigen von D'Arcy, einer Bassistin, die als Frau noch recht einsam war auf der Rockbühne jener Jahre. Ihrer aller Androgynität war dem selbstbildsuchenden Abiturienten schon Herausforderung genug. Und Billy Corgan sang dazu sanft, aber kräftig über die Schwierigkeiten eines Männerlebens im Grabenkampf zwischen Rollenzuweisung und Selbstverortung, dass jedes Geschlechterbild in mir wankte. All dies machte, ich weiß es jetzt, einen besseren Menschen aus mir.

Über Jahre. Das ruhigere Siamese Dream, das epische Mellon Collie, selbst das distanzierte Adore – nie war mir vollends klar, ob solche Alben meine Persönlichkeit geformt oder nur orchestriert haben. Weder Chamberlins drogenbedingter Rauswurf noch alle Mitgliederwechsel nach der Reunion 2005 samt einem miserablen (Zeitgeist) und einem gelungenen (Oceania) Album konnten meine Liebe je schmälern. Es gab ja immer noch den Bestand in meinem Plattenregal, der zu oft benutzt wurde, um mint zu sein. Und es gab die Hoffnung, dass Corgan trotz Anzug und Pamela Andersons Ex-Lover Tommy Lee am Schlagzeug wieder Platten macht, die sich Gebrauchsspuren verdienen.

Monuments To An Elegy dürfte nun allerdings unbenutzt bleiben. Eine paar Stücke reanimieren zwar gekonnt, was die Smashing Pumpkins einst abhob von Grunge, Progressive, Emocore, wo man sie halt so einzuordnen versuchte: Das brettharte One And All, das schöne Monuments, das vielseitige Anti-Hero – alles Referenzen an Zeiten, da Corgan meine Welt anhalten konnte mit seiner exaltierten Liebeslyrik. Der Rest aber verseift textlich wie musikalisch oft im Beliebigen und driftet wie das grässliche Run2Me ab in Richtung Schlagerpop. Trotzdem landet auch diese Platte in meiner Sammlung. Hinter Oceania, vorm nächsten, das nicht mehr und nicht weniger muss, als die Erinnerungen einer unverwüstlichen Liebe beizeiten aufzufrischen. Meine Festung ist ja gut gefüllt mit dem besten, was Rockmusik je vorgebracht hat für große Jungs auf der Suche nach sich selbst. Dankeschön, Billy.

"Monuments Of An Elegy" von Smashing Pumpkins erscheint bei Martha's Music/BMG.