Deutschland und Techno sind nicht voneinander zu trennen. Das lässt sich schon am weltweiten Ruhm des Berghain-Clubs in der Hauptstadt ablesen, der in diesem Dezember vor 10 Jahren eröffnet wurde. Obwohl Techno eigentlich in Detroit als abgekühlte Variante des schwarzen Funk entstanden ist, gilt elektronische Musik auch in den USA als teutonisches Exportprodukt. Die Kanonisierung von Kraftwerk trug dazu ihren Teil bei: Die Band hatte in Düsseldorf als queere Post-Gender-Klanginstallation begonnen, wurde aber später in Amerika zum musikalischen Wiedergänger des deutschen Ingenieurwesens umgedeutet. Nicht zuletzt seit Kraftwerk vor zwei Jahren im Moma aufgetreten sind, firmieren sie als das gehobene, weil minimalistische Popkulturgut aus Deutschland. Das maximalistische Gegenstück für die Massen wäre in diesem Fall Rammstein.
Gerade hat die Berliner Universität der Künste eine Konferenz über die popkulturelle Ausnahmestellung des Techno ausgerichtet, die wahrscheinlich kaum in einer anderen Stadt hätte stattfinden können: Berlin ist heute als Zentrum des internationalen Technogeschehens in Theorie und Praxis anerkannt. Obwohl die gigantischsten Festivals wie das Kazantip in Georgien oder das Wonderland in Belgien stattfinden, gelten sie doch eher als Außenposten. Die durchdachtesten Techno-Innovationen stammen nach wie vor aus Deutschland. Wenn aber Techno tatsächlich die einzige Subkultur ist, die maßgeblich von Deutschland ausgegangen ist, wie vielerorts behauptet wird: Was erzählt das über Deutschland?
Offenbar sehr viel. Der Historiker Matthias Pasdzierny hat gerade versucht, die deutsche Popgeschichte parallel zur Geschichte der deutschen Vergangenheitsbewältigung zu erzählen. Warum ist darauf noch niemand vor ihm gekommen? Popkulturelle Bewegungen entstehen in der Regel aus dem Geist der Auflehnung: gegen das Establishment, gegen die Moral der Elterngeneration, gegen vorangegangene Pop-Ästhetiken. Im Spezialfall Deutschland hat sich Pop aber immer auch gegen die Vergangenheitsbewältigung der vorangegangen Generation gewendet.
Gegenwartsbewältigung durch Pop
In den Fünfzigern hörten die jungen Deutschen Jazz, weil das von der deutschtümelnden Unterhaltungsmusik der Nazis so weit entfernt war wie eben möglich. Die 68er verehrten politische Liedermacher und psychedelische Krautrockbands, die die Vergangenheitsbewältigung wieder innerhalb Deutschlands austrugen und konkrete politische Veränderungswünsche formulierten. Ende der Siebziger protestierte der betont apolitische Punk mit Stechschritt und Nazisymbolen gegen die bequeme Rechts-Links-Ordnung, in der sich die Hippies eingerichtet hatten. Und die Achtziger etablierten eine ironische Verweiskultur, die popkultureller Symbolik jegliche politische Verbindlichkeit entzog. Das ist, kurz gesagt, der Weg, den die populäre Musik in der Bundesrepublik genommen hat, nachdem sie im Dritten Reich vor allem der Propaganda und Gleichschaltung zu Diensten war. Ende der Achtziger war Pop auch in Deutschland wieder weitgehend unbelastet.
In diesem Moment betrat Techno die große Bühne: Die erste Loveparade fand 1989 statt und entwickelte sich innerhalb eines Jahrzehnts zu einem Format, das es jungen Deutschen erstmals seit dem Ende des Dritten Reichs wieder erlaubte, sich zu Hunderttausenden auf der Straße des 17. Juni zu versammeln, ohne dass die Nachbarstaaten die Luft anhielten. Damit hat Techno auch Public-Viewing-Events den Weg bereitet, die seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 überall im Land stattfinden und auf denen erstmals wieder Flaggen als Ausdruck selbstbewussten Deutsch-Seins geschwenkt wurden. Die Rolle des Techno im nation building der Berliner Republik ist deshalb kaum zu unterschätzen. Heute ist Techno in seinen verschiedenen Erscheinungsformen die etablierte Konsensmusik in den Bars, Cafés, Clubs und Galerien Berlins.
Das könnte nicht zuletzt daran liegen, dass er traditionelle Werte frisch verpackt. Techno ist tendenziell weiß, männlich und die Kultur des arbeitsamen Mittelstands. Die Wiener Soziologin Rosa Reitsamer hat 2013 die Karrieren von 40 Techno-DJs untersucht und dabei festgestellt, dass für eine erfolgreiche DJ-Karriere Eigenschaften unerlässlich sind, die der Arbeitskultur des Mittelstands entspringen: Disziplin, Hartnäckigkeit, Selbstorganisation und eine große Affinität zu Technologie. Die Tatsache, dass Techno nur produziert und aufgeführt werden kann, wenn man eine gewisse Freude daran hat, Tag und Nacht an Knöpfen zu drehen, verschwindet für gewöhnlich hinter der öffentlichen Star-Persona des DJs. In Wahrheit sind Techno-Produzenten jedoch die VW-Ingenieure unter den Musikern und werden vom Publikum aus denselben Gründen geschätzt: Sie sind präzise, technikverliebt und berechenbar.